Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 650 (sequence 13)
- Language
- German
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6so Arjeh Tartakower: halb der „Zeire-Zion" begann einDifferenzierungsprozeß, der einen Teil ihrer Anhänger dem Sozialismus immer näher brachte. Diese Entwicklung wurde durch den Ausbruch der russischen Revolution sehr beschleunigt, und so konstituierten sich denn die „Zeire-Zion'1 bereits auf ihrer zweiten Konferenz in Petrograd, im August des Jahres 1917, als eine sozialistische Fraktion, die freilich auch weiterhin ein integraler Bestandteil der Zionistischen Organisation blieb und lange Zeit hindurch keine selbständige Politik zu führen versuchte. Die Konferenz formulierte auch zum erstenmal die Leitsätze eines Parteiprogramms, die, wenngleich durch die nachfolgende Entwicklung in mannigfacher Richtung modifiziert, doch bis zum heutigen Tage die charakteristischen Merkmale der Ideologie der Bewegung wiedergeben. Von den Programmen der anderen jüdischen sozialistischen Parteien schied sie in der Hauptsache ihre viel breitere Fassung des Begriffes „Proletariat", eine andere Wertung des Klassenkampfmomentes in der Entwicklung des jüdischen Wirtschaftslebens und eine besondere Einstellung zu den Fragen der Palästinaarbeit und der jüdischen Kultur. Dagegen kann man in der besonders starken Betonung des nationalen Momentes in der Bewegung und in der — anfangs wohl überwiegenden — idealistischen Weltanschauung kaum ein Unterscheidungsmerkmal zwischen den „Zeire- Zion" und den anderen jüdischen sozialistischen Parteien sehen, da es erstens schon eine Partei gab, die die beiden Merkmale aufwies — es waren dies bekanntlich die Sejmisten — und anderseits die idealistische Weltanschauung kein fester Bestandteil des Programms der ,,Zeire-Zion" bleiben sollte. Derjenige Teil der Bewegung, der nach den schließlich fast in allen Ländern erfolgten Spaltungen innerhalb derPartei den Weg einer ausgesprochenen sozialistischen Politik betrat und sich zum Weltverband der,,Zeire-Zion" vereinigte, nahm dann ganz die materialistische Weltanschauung an. Schauen wir uns nun die Programmleitsätze näher an. An Stelle des bisher üblichen Begriff „Proletariat" gleich „Lohnarbeiterklasse", den sie für die jüdischen Verhältnisse als viel zu eng betrachteten, setzten die „Zeire-Zion", hier in gewissem Maße die russischen Sozialrevolutionäre nachahmend, den Begriff Proletariat, gleich dem unter dem sozialen Druck leidenden Teil des Volkes. Faßt man den Begriff so, so gehören dazu, außer den eigentlichen Lohnarbeitern, nicht nur all die kleinen Handwerker, sondern auch die großen Scharen des jüdischen Kleinhändlertums und der jüdischen Luftmenschen, die von einem Tag zum andern vegetieren, ohne einen auch nur in geringstem Maße gesicherten Morgen vor sich zu haben. Es gelte somit nicht nur für die Erlösung der jüdischen Arbeiterschaft, sondern auch für die Befreiung dieser ganzen Masse der jüdischen Proletarier zu kämpfen, die entweder schwer arbeiten, ohne sich durch ihre Arbeit einen genügenden Unterhalt zu verdienen, oder nicht arbeiten, weil sie nicht arbeiten können und aus den Reihen der arbeitenden Klasse durch den — nationalen oder sozialen — Druck ausgestoßen werden. Somit sei die Produktivierung der Masse des jüdischen Luftmenschentums eine eminent sozialistische Aufgabe, nicht minder wichtig wie die Erkämpfung besserer