Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 649 (sequence 12)
- Language
- German
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Zur Geschiebte des jüdischen Sozialismus 649 notwendige. Was diese Partei praktisch vom „Bund" schied, war lediglich ihre breitere Fassung des Gedankens einer nationalen Autonomie. Die sozialistischen Anschauungen der beiden Parteien waren die gleichen, und der Territorialismus der „Vereinigten", der jeder reellen Basis entbehrte, blieb ein rein theoretischer Leitsatz im Programm, der schließlich als unnötiger Ballast erscheinen mußte. So näherten sich denn die beiden Parteien einander immer mehr und reagierten in gleicher Weise auf alle weiteren Erscheinungen im politischen Leben Rußlands. In der Ukraine sollte es sogar kurz vor derAuflösung der Parteien zu ihrer formellen Vereinigung kommen. Eine viel bedeutsamere Erscheinung war die Entstehung der sozialistischen Partei „Zeire Zion". Ich betone: der „sozialistischen" Partei, weil die Bewegung der „Zeire-Zion" tatsächlich eine viel ältere war, aber erst im Lauf der Revolutionsjähre einen sozialistischen Charakter annahm. Die Organisation entstand in den Jahren 1905—1910 als eine Bewegung der radikalen zionistischen Jugend, die zumeist an eine Übersiedlung nach Palästina dachte und mit großem Interesse den Kampf der jüdischen Arbeiterschaft in Palästina als des in nationaler Hinsicht wertvollsten Elementes im Lande beobachtete. Mit besonderer Sympathie verfolgte man die Entwicklung der Bewegung der radikal-nationalen palästinensischen Arbeiterpartei „Hapoel-Hazair", in die auch fast alle Mitglieder der „Zeire-Zion" eintraten, die vor dem Weltkrieg nach Palästina auswanderten. Versuche, sich straffer zu organisieren und als selbständige Gruppe innerhalb der allgemeinen zionistischen Bewegung aufzutreten, wurden oft gemacht, ohne greifbare Erfolge zu zeitigen. So fanden fast anläßlich eines jeden zionistischen Kongresses Zusammenkünfte der „Zeire-Zion"-Delegierten statt, die die ideologischen und organisatorischen Grundlagen der Bewegung besprachen. In Rußland gruppierten sich die „Zeire-Zion" in besonderen Vereinen, die sich „Zeire-Zion" oder „Hath'chiak" nannten — dieersten inPinskund Kischinew — und auch von Zeit zu Zeit gemeinsame Konferenzen abhielten. Anläßlich des 11. Zionistenkongresses, Wien 1913, wo auch zum erstenmal eine gemeinsame Konferenz der „Zeire-Zion" und des „Hapoel-Hazair" stattfand, wurde schließlich ein Zentralkomitee dieser Gruppen mit dem Sitz in Warschau gewählt, das auch das erste Organ der Bewegung, „Schachrith", herauszugeben begann. Doch hatte die Bewegung als solche mit dem Sozialismus fast gar nichts zu tun. Sie kämpfte lediglich innerhalb der Zionistischen Organisation um deren weitestgehende Demokratisierung und suchte das Verständnis für die jüdischen Arbeiterfragen in Palästina zu wecken. Allerdings regte sich schon vor dem Kriege in einzelnen Gruppen das Interesse für die sozialistischen Fragen, doch blieb es ein rein theoretisches und platonisches. So stellte sich die geheime Konferenz der „Zeire-Zion" in Pinsk im Jahre 1906 zwar geradezu auf den Standpunkt einer sozialistischen Weltanschauung, ohne aber daraus irgendwelche praktische Konsequenzen zu ziehen. Man begnügte sich mit dem Beschluß, daß Palästina nach den Prinzipien des Sozialismus aufgebaut werden müsse. Indessen konnte diese unentschlossene Haltung von keiner langen Dauer sein. Inner-