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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 11 · p. 647

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 11
Article
Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
Date
1924-01-01
Page
647 (sequence 10)
Language
German
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 647 auch gewählt. Andererseits gelang es den jüdischen sozialistischen Parteien, eine bedeutende Zahl ihrer Vertreter in die überall neu gewählten Stadträte zu entsenden und so auch dort ihren Einfluß zu festigen. Hatten so die jüdischen sozialistischen Parteien die Möglichkeit, das allgemeine politische Leben bedeutend zu beeinflussen, so vernachlässigten sie andererseits in keiner Weise die inneren Fragen des jüdischen Lebens. Auch auf diesem Gebiete stieg die Aktivität der Parteien bedeutend. Die Revolution hatte dem russischen Judentum die Freiheit gebracht, und zwar nicht nur die bürgerliche, sondern auch die nationale. Sie trug auch in einem bedeutenden Maße zur Demokratisierung des inneren jüdischen Lebens bei. So entstand denn bald der Plan der Einberufung eines jüdischen Kongresses in Rußland, der das innere Leben des jüdischen Volkes in diesem Lande neu regeln und seine Forderungen kundgeben sollte. Der Gedanke fand bei allen jüdischen sozialistischen Parteien lebhafte Zustimmung, wobei allerdings vom „Bund" erklärt wurde, daß er die Beschlüsse des Kongresses, soweit sie Arbeiterfragen betreffen werden, für sich nicht als bindend anerkennen werde. Daneben entbrannte der Kampf um den Inhalt der zu erhebenden Forderungen, da der „Bund" auf keinen Fall zustimmen wollte, die Palästinafrage unter sie aufzunehmen. Doch gelang es schließlich, eine Kompromißformel zu finden, und so beteiligten sich denn alle jüdischen sozialistischen Parteien an den Wahlen zum Kongreß und vereinigten auch eine ziemlich bedeutende Stimmenzahl, etwa 22% der abgegebenen, auf ihre Listen. Indessen trat der Kongreß infolge der nachfolgenden politischen Ereignisse nie zusammen. — Einen guten Anlaß zur sozialistischen Agitation und zur Betonung der Parteiprogramme boten die Wahlen zu den jüdischen Gemeindeverwaltungen, die fast überall vorgenommen wurden. Der „Bund" hatte da die Möglichkeit, für seine Losung der national-kulturellen Autonomie kräftig zu kämpfen, während die anderen jüdischen sozialistischen Parteien den Standpunkt der vollen nationalen Selbstverwaltung verfochten. Auch da gelang es, eine bedeutende Zahl sozialistischer Mandate zu erkämpfen und in einigen Gemeinden sogar die Führung an sich zu reißen. Aus der inneren Entwicklung der jüdischen sozialistischen Bewegung in der Periode bis zum bolschewistischen Umsturz sind zwei Tatsachen besonders hervorzuheben. Die eine war die Vereinigung der Parteien der S. S. und der Sejmisten zu einer einzigen Partei, der „Vereinigten Jüdischen Sozialistischen Arbeiterpartei", die andere die Entstehung einer neuen jüdischen sozialistischen Bewegung, der „Zeire-Zion", die ihr Programm in vieler Beziehung auf ganz originellen Anschauungen aufbaute und in der Folgezeit eine Weltbewegung gleich den „Poale-Zion" werden sollte. Bleiben wir zunächst bei der ersten Erscheinung. Die Vereinigung der S. S. und der Sejmisten war, wie bereits im vorigen Kapitel erwähnt, durch die Verhandlungen des Jahres 1911 angebahnt worden und war ein natürliches Ergebnis der immer größer werdenden Annäherung zwischen den beiden Parteien. Die Revolution beschleunigte nur diesen fast unvermeidlichen Prozeß. Die VI. Parteikonferenz der S. S. in Moskau,

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