Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 646 (sequence 9)
- Language
- German
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- Ukraine 3× ep/1001131
- Odesa 2× ep/1000834
- Minsk 1× ep/1000754
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646 Arjeh Tartakower; russische Revolution der jüdischen sozialistischen Bewegung zunächst brachte, war die volle, von keiner Seite gestörte Freiheit der Entwicklung und der Agitation.' Die ganze gesammelte Kraft, die infolge der fast dreißig Jahre lang unterirdisch geführten Agitation aufgestaut war, brach nun aus und zeitigte die schönsten Jahre der jüdischen sozialistischen Bewegung. Diese wurde nun eine tatsächliche Massenbewegung, der sich Tausende und Abertausende jüdischer Arbeiter und Intellektueller begeistert zuwandten. Eine Konferenz folgte auf die andere, ein Delegiertentag auf den anderen, eine Massenversammlung auf die andere. Die jüdische sozialistische Presse blühte in ungeahnter Weise auf, insbesondere die des „Bund" in der Ukraine, aber auch die der anderen Parteien. Der „Bund" gab in rascher Aufeinanderfolge, oft übrigens gleichzeitig, die folgenden Zeitschriften heraus: „Die Arbeiterstimme", Petersburg; „Der Wecker", Minsk; „Volkszeitung", Kiew; „Die Glocke", Odessa; „Die Internationale", Jekaterinoslaw; „Die Stimme des Bund", Petersburg; „Unsere Stimme", Charkow; „Unser Wort", Odessa; „Der jüdische Arbeiter", Petersburg; die vier letzten in russischer, alle anderen in jiddischer Sprache. Das Organ der „Poale-Zion" in Rußland wurde die Wochenschrift „Der jüdische Sozialdemokrat", Moskau; in der Ukraine die Tageszeitung „Das neue Leben", Odessa, und die Wochenschriften „Das neue Wort" und „Der jüdische Arbeiter" — alle in jiddischer Sprache. Die neuentstandene Partei der „Vereinigten" gab in Rußland in russischer Sprache die Zeitschrift „Der jüdische Proletarier", in der Ukraine in jiddischer Sprache die Tageszeitung „Die neue Zeit", Kiew, und die Wochenschrift „Der jüdische Proletarier", gleichfalls Kiew, heraus. Die sich bildende Partei der „Zeire-Zion" schuf sich als erstes Organ „Erde und Freiheit", in jiddischer Sprache, in Charkow. —■ Daneben erschien eine Unmasse nichtperiodischer Zeitschriften, Flugschriften, Broschüren, Aufrufe, die zu jeder der vielen auftauchenden Fragen des allgemeinen und jüdischen gesellschaftlichen Lebens Stellung nahmen und das Publikum für sich zu gewinnen suchten. Es wurden spezielle jüdische sozialistischeVerlage ins Leben gerufen. Die allgemein politische Bedeutung der jüdischen sozialistischen Parteien stieg aber noch infolge einer anderen Ursache so rasch. Die russische Revolution hatte von allem Anfang an einen starken sozialistischen Anstrich. Die Macht und die Bedeutung der Soldaten- und Arbeiterräte, die sich überall bildeten, war überaus groß, und in diesen Räten, die sozusagen einen Staat im Staate bildeten, hatten naturgemäß die sozialistischen Parteien die führende Rolle. Die jüdischen Sozialisten arbeiteten in den Räten sofort als gleichberechtigte und sehr aktive Mitglieder mit. Ihr Einfluß — insbesondere der der Mitglieder des „Bund" — war überaus groß- Es kam oft vor, daß bei wichtigen Tagungen — insbesondere bei Reichskonferenzen der Arbeiterräte — die bundistischen Mitglieder — z. B. Lieber, Abramowitsch —■ die wichtigsten Referate hatten und so die öffentliche Meinung in ihrem Sinne beeinflussen konnten. Sehr aktiv beteiligten sich auch die jüdischen Sozialisten bei den Wahlen zur russischen Konstituante; ein jüdischer Sozialist — das Mitglied der „Vereinigten": Dawidowitsch — wurde denn