Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 645 (sequence 8)
- Language
- German
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Zur Geschiebte des jüdischen Sozialismus 645 sondere Ergebnisse zu zeitigen. Von Bedeutung wurde bloß die erste Konferenz der Ortsgruppen des „Bund" in Polen, im Dezember des Jahres 1916, die unmittelbar zur Gründung derb eso nd er en Partei des polni sch en,, Bund*', der bis zum heutigen Tage stärksten jüdischen sozialistischen Partei, führte. Viel normaler gestaltete sich die Entwicklung der jüdischen Arbeiterbewegung in Amerika, wenngleich auch sie in starkem Maße äuf die Kriegsverhältnisse eingestellt war. Während sich die sozialistischen Parteien hauptsächlich um die Hilfsarbeit, die Kongreßbewegung und die allgemeine sozialistische Agitation kümmerten — fürdie„Poale-Zion" kam noch die Palästinatätigkeit hinzu — setzten die Gewerkschaften den Kampf um die Besserung der Arbeitsbedingungen fort, und es gelang ihnen auch in einem bedeutenden Grade, die kurz nach Kriegsausbruch einsetzende Periode der Hochkonjunktur zugunsten der Arbeiterschaft auszunützen. Besonders erbittert war der Kampf im Schneidergewerbe, das sich immer fester organisierte. In den ersten Kriegsjahren entstand neben der bisherigen mächtigen Gewerkschaft der Damenschneiderarbeiter, der „International Ladies Garment Workers Union" die gleich starke Gewerkschaft der Herrenschneiderarbeiter, die „Amalgamated Clothing Workers Union". Beide Gewerkschaften, die zusammen über eine Viertel Million Mitglieder zählten, besaßen, wenngleich formell international, doch den größten Prozentsatz ihrer Mitglieder innerhalb der jüdischen Arbeiterschaft. Auf diese Organisationen gestützt, führte man den Kampf mit dem Unternehmertum, und als von ihnen im Jahre 1915 das „Protokoll", das übrigens auf beiden Seiten viel Unzufriedenheit, insbesondere durch seine mangelhafte Ordnung der Lohnverhältnisse erregte, gekündigt wurde, brach von neuem ein Streik aus, in dem die Arbeiterschaft die Siegerin blieb und ihre Forderungen fast ganz durchsetzte. Auch die Kulturarbeit der jüdischen amerikanischen Arbeiterschaft wurde unermüdlich weitergeführt. Die „national-radikalen" Schulen entwickelten sich ohne größere Störungen, und es gelang sogar auf ihrer zweiten Konferenz, den Gegensatz zwischen den jiddischistisehen Schulen der S. T. und den auch das Hebräische in einem weiten Maße berücksichtigenden Schulen der „Poale-Zion", wenigstens formell, aus der Welt zu schaffen, indem die jiddische Sprache als die Unterrichtssprache und Jiddisch und Hebräisch als Lehrgegenstände erklärt wurden. Die Frage, in welcher Klasse der Unterricht dieser beiden Gegenstände zu beginnen habe, sollte von jeder Schule je nach ihrem Gutdünken beantwortet werden. Übrigens machte sich auch im „Arbeiter-Ring" das Bestreben geltend, eigene Schulen ins Leben zu rufen. Doch sollte das erst Anfang 1918 seine Verwirklichung finden. Der „Arbeiterring" selbst entwickelte sich ununterbrochen in raschem Tempo, sowohl was die Mitgliederzahl, als auch was die Höhe der von ihm ausgezahlten Versicherungsprämien und den Umfang seines Wirkungskreises betraf. In diese Atmosphäre der vom Krieg zwar nicht zum Stillstand gebrachten, aber immerhin recht gehemmten sozialistischen Tätigkeit schlug wie ein Blitz der Ausbruch der russischen Revolution ein. Was die