Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 643 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 643 blick des Verbleibens in der 2. Internationale das staatlich territoriale Mitgliedschaftsprinzip bekämpft. So verlangte noch die Tagung in Stockholm, Mitte 1919, die Änderung des Statutes der Internationale in dem Sinne, daß in ihr alle nationalen Sektionen vertreten sein sollten, ohne Rücksicht darauf, ob sie einen eigenen Staat hätten oder nicht, wenn ihr Recht auf Autonomie von der Internationale anerkannt worden sei. Das nächste Ziel, das die „Poale-Zion" innerhalb der Internationale erreichen wollten, war, wie erwähnt, die Anerkennung der jüdischen Friedensforderungen. Zu diesem Zwecke wurde zunächst eine rege Aufklärungsarbeit betrieben. Man gab in mehreren europäischen Sprachen — deutsch, englisch, französisch — das Nachrichtenblatt „Jüdische Arbeiterkorrespondenz" heraus, legte der sozialistischen Internationale ein Rotbuch vor — es erschien in zwei Auflagen — das eine sehr genaue Schilderung der Judenfrage und der Möglichkeiten ihrer Lösung sowie der Judenverfolgungen im Kriege enthielt und durch eine Dokumentensammlung ergänzt war, machte durch besondere Schriften die Internationale auf die Lage der Juden in Rumänien und Polen, auf die Frage einer nationalen Autonomie u. a. aufmerksam. Als sich schließlich im Jahre 1917 das holländisch-skandinavische Komitee konstituierte, das die Friedensforderungen der Internationale ausarbeiten sollte, legte das Verbandsbureau der „Poale-Zion" ihm ein ausführiches Memorandum vor, in dem die Forderungen des Welt« Verbandes aufgezählt und motiviert wurden. Die Forderungen zerfielen in zwei Gruppen: in allgemeine und in speziell jüdische. Während die allgemeinen Forderungen sich mit denen der meisten sozialistischen Parteien deckten — obligatorische Schiedsgerichte, demokratische Kontrolle der auswärtigen Politik, Abrüstung und Schaffung einer internationalen Miliz, Internati onalisierung der Weltkommunikationsmittel, Kontrolle der Durchführung der sozialpolitischen Bestimmungen des Friedensvertrages, Regelung der Weltproduktion, Sicherung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker und Schutz der nationalen Minderheiten — wurden als spezielle jüdische Forderungen aufgezählt: 1. Bürgerliche Gleichberechtigung überall, 2. Freiheit der Einwanderung überall, 3. Nationale Selbstverwaltung in Ländern der jüdischen Massensiedlung, 4. Ungestörte Kolonisationsarbeit in Palästina und daher: a) Abschaffung der Immigrationsbeschränkungen, b) entsprechende sozialpolitische und wirtschaftliche Gesetzgebung, c) Gewährung einer Selbstverwaltung für das Land und d) nationale Autonomie für die Juden in Palästina. All dies sollte unter internationale Kontrolle gestellt werden. Das Memorandum verfehlte seine Wirkung auf das Internationale Sozialistische Bureau nicht. Die Vertreter der ,,Poale-Zion" - Borochow, Chasanowitsch, Zerubawel—wurden nach Stockholm eingeladen, um dort die jüdischen Forderungen persönlich unterstützen zu können. Es gelang ihnen tatsächlich, die Bedenken einiger Mitglieder des Bureaus zu zerstreuen: das im Oktober des Jahres 1917 erschienene Friedensmanifest der Internationale nahm die jüdischen Forderungen in ihrem ganzen Umfang auf. Dies bedeutete einen großen Sieg der „Poale-Zion", um so mehr, als diese 41*