Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 640 (sequence 3)
- Language
- German
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640 Arjeh Tartakower: Noch in einer ganz anderen Richtung war aber eine Anpassung an die neuentstandene Lage notwendig. Die unmittelbarste Folge des Kriegsausbruchs war für die jüdische Arbeiterschaft des Ostens eine gewaltige Arbeitslosigkeit, wie man sie vorher kaum je gesehen hatte. Mit raschen Schritten kam das Elend. So mußte denn die Tätigkeit sowohl der politischen Parteien wie der Gewerkschaften notgedrungenermaßen in überwiegendem Maße zur Hilfstätigkeit werden. Es wurden einerseits billige Küchen, Teehallen, Wärmestuben errichtet und die ersten lebensfähigen Konsumvereine ins Leben gerufen, andererseits wurde überall, wo es nur möglich war, zumeist in Gemeinderäten und Stadtverwaltungen, um die Mittel dafür und um Organisierung von Notstandsarbeiten gekämpft. Diese dringenden Aufgaben der Gegenwart nahmen in den ersten paar Jahren die Kräfte der Parteien ganz in Anspruch. An sonstige sozialistische Tätigkeit konnte damals gar nicht gedacht werden. Allerdings machten die jüdischen sozialistischen Parteien, im vollen Gegensatz zu den meisten sozialistischen Parteien der am Krieg irgendwie beteiligten Völker, den Kriegstaumel nicht mit. An dem Widerstand gegen das völlige Versagen der zweiten Internationale, der sich bereits im Jahre 1915ZU regen begann, waren sowohl der „Bund" als aucn ein Teil der „Poale-Zion" beteiligt. Nichtsdestoweniger machte die politische Lage eine ersprießliche Tätigkeit in sozialistischem Geist fast ganz unmöglich. Während sich in Rußland die Repressalien noch mehr steigerten, machte auch in Österreich die Einführung des Kriegszustandes und die mit ihr verknüpften mannigfachen Verfolgungen der bisherigen lebhaften Tätigkeit der jüdischen sozialistischen Parteien ein Ende. Das einzige Land, in dem auch in den ersten Kriegsjahren eine halbwegs ungestörte Arbeit möglich blieb, war Amerika, wo denn auch die jüdische sozialistische Bewegung in der Tat bald eine bedeutende Rolle spielte. Andererseits konnte auch das Verbandsbureau der „PoaJe-Zion", das von Landes- und Staatsgrenzen ziemlich unabhängig war, seine Mission in den Fragen der jüdischen sozialistischen Bewegung wie auch des jüdischen Lebens überhaupt erfüllen und machte in dieser Beziehung mehrere ziemlich erfolgreiche Versuche. Der große Glaube, daß der Krieg die Erlösung der schwachen und unterdrückten Völker mit sich bringen müsse, war auch in der jüdischen sozialistischen Bewegung weit verbreitet und beeinflußte ihre Tätigkeit in hohem Maße. Daher rührt auch deren ausgesprochen nationale Färbung in den ersten Jahren, selbst bei denjenigen Parteien, deren Haltung in allgemein nationalen Fragen bisher ziemlich unentschlossen gewesen war. Es galt, sowohl das Volk zu organisieren und es fähig zu machen, seine Forderungen zu erheben und durchzusetzen, als auch das sozialistische Gewissen der Welt wachzurufen und sich von dieser Seite Hilfe zu sichern. Auf dieser psychologischen Grundlage wird uns einerseits die überaus bedeutsame Rolle der jüdischen sozialistischen Parteien in der amerikanischen jüdischen Kongreßbewegung, anderseits die Tätigkeit des Verbandsbureaus der „Poale-Zion" verständlich.