Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 639 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Geschichte des jüdischen Sozialismus 639 eignisse in der sozialistischen Bewegung und in der Entwicklung der sozialistischen Ideologie in keinem anderen Teil des Proletariats — mit der alleinigen Ausnahme des russischen — eine derartige Umwälzung herbeigeführt hat wie in der jüdischen Gasse. Wir kommen auf die Gründe dieser eigenartigen Erscheinung später noch zurück* Hier sei nur darauf hingewiesen, daß die unmittelbarsten Wirkungen dieser inneren Revolution für die jüdische sozialistische Bewegung sehr traurig waren. Nach einer ganz kurzen Periode raschen Aufblühens (etwa 19171—919) setzte der Zerbröcklungsprozeß ein, der innerhalb weniger Jahre die jüdische sozialistische Bewegung des Hauptteils ihrer Kräfte berauben und einen Teil von ihr dem Judentum fast ganz entfremden sollte. Die große Krise dauert bis zum heutigen Tage an, wenngleich der Höhepunkt wahrscheinlich schon überschritten ist; doch sind ihre endgültigen Wirkungen noch gar nicht abzusehen. Doch setzte, wie erwähnt, diese Entwicklung erst mit dem Ausbruch der russischen Revolution, oder richtiger gesagt, mit dem Sieg der Räteherrschaft in Rußland ein. In den ersten drei Kriegsjahren versuchten sämtliche jüdischen sozialistische Parteien, ihre normale Tätigkeit fortzusetzen und sie den Kriegsverhältnissen anzupassen. Und eine Anpassung war in mancher Hinsicht notwendig. Abgesehen von den Schwierigkeiten, die sich für die sozialistische Agitation und Tätigkeit ergaben, infolge der Einführung des Kriegszustandes in den meisten der in Betracht kommenden Länder, stand man bereits nach Ablauf einiger Monate vor der Notwendigkeit, den ganzen Organisationsapparat der Parteien umzubauen. Rußland, das Land der größten jüdischen Massensiedlung, also auch der stärksten jüdischen sozialistischen Parteien, wurde durch die Ereignisse des Weltkriegs in viele Teile zerrissen. Dies bedeutete naturgemäß zugleich das Auseinanderfallen der bisher einheitlichen jüdischen sozialistischen Parteien in mehrere voneinander mehr oder weniger unabhängige Gruppen und mußte die Frage ihrer Verbindung und einer einigermaßen einheitlichen Taktik aufrollen. Für den „Bund", der von einer internationalen jüdischen Arbeiterbewegung nichts wissen wollte und in dieser Beziehung so weit gingt daß er den Gruppen seiner Anhänger in Amerika das Stimmrecht bei seinen Delegiertenkonferenzen verweigerte, bedeutete dies zugleich die Frage seiner weiteren Existenz als einheitlicher Partei. Für die „Poale-Zion" wie für die anderen proletarischen zionistischen Parteien war dies mehr eine Organisationsfrage, aber immerhin eine sehr schwere, die bei den „Poale-Zion" durch die Tatsache des Vorhandenseins eines Weltverbandes noch viel komplizierter lag. Tatsächlich gelang es weder dem Verbandsbureau der „Poale- Zion", das übrigens seinen Sitz ständig wechselte, noch auch den Leitungen der anderen Parteien, den Zusammenhang der einzelnen Gruppen zu wahren und deren innere Entwicklung in einheitlichem Sinne zu beeinflussen. So entstanden denn im Lauf der Zeit bedeutende Differenzen der Anschauungen in den verschiedenen Teilen der einzelnen Parteien, die auf den weiteren Lauf der Dinge komplizierend wirken sollten.