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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 11 · p. 637

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 11
Article
Denikins Pogrome
Date
1924-01-01
Page
637 (sequence 7)
Language
German
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Denikins Pogroms 637 viele erfuhren dasselbe an sich, was unsere Pförtnerin durchlebt hatte. Der Pogrom springt — wie ein Lauffeuer — auf Slobodka und Podol und auf die anderen Grenzgebiete über, bis schließlich General Dragomiroff auf Grund eines Telegramms von General Denikin selber, das dieser, wie es heißt, unter dem Druck der Engländer abgesandt hat, eine Parade abhält, Humanität gegenüber allen Bevölkerungsschichten fordert und seinem Bedauern Ausdruck gibt wegen der Ausschreitungen, die in derFreiwilligen Armee" vorgekommen sind. Die genehmigte „Liga zum Kampf gegen Pogrome" erläßt einige verspätete Aufrufe an die Bevölkerung, und in der Zeitung „Kieskaja Mysl" erscheinen Widerlegungen und Beweise dafür, daß das Verzeichnis der jüdischen Wohnungen, welche im „Kiewljanin" veröffentlicht worden war, auf Erfindung beruhe. Eine Sonderkommission ist der Sache nachgegangen, und es hat sich erwiesen, daß alle genannten Adressen erfunden sind. Weder gab es solche Häuser, noch solche Wohnungen, noch endlich solche Einwohner, wie dort genannt, werden. Der „Kiewljanin" hat offenbar auf die Leichtgläubigkeit und Erregbarkeit seiner Leser gerechnet. In Kiew lassen die Pogrome nachj nehmen aber an der Bahnlinie und in kleineren Flecken ihren Fortgang. Besonders furchtbar sind die Pogrome in Fastow, — es haben hier acht oder neun Pogrome der Reihe nach stattgefunden. Hier wurden die Menschen zusammengehauen, erschossen, gehenkt, bei lebendigem Leibe verbrannt — ganze Familien — auf Scheiterhaufen von aufgestapeltem Mobiliar. Da Kiew nun der relativ gefahrloseste Ort ist, kommen Flüchtlinge hierher geströmt. III. Im Wagen befinden sich auch zwei jüdische Zuckerfabrikanten nebst ihren Frauen und Müttern. Sie tragen eine selbstbewußte Miene zur Schau; auch sie fliehen vor den Bolschewiki und haben augenscheinlich allen Grund, einen Platz im Ehrenwagen zu beanspruchen. Man hatte sich also gesetzt, so gut es eben gehen wollte, und machte sich nun daran zu frühstücken. Ich dachte an meinen Eßkorb, den ich auf dem Bahnhof gelassen hatte. Es war wohl recht unbequem, daß ich nichts Eßbares bei mir hatte. Im Wagen ist es so schwül, daß man kaum atmen kann; ich sitze auf meinem Köfferchen zwischen den Bänken. Bald sind alle miteinander bekannt, und jeder weiß vom andern, wohin er reist, und warum er es so eilig hat, aus Charkow fortzukommen. Meine einsilbigen Antworten behagen den Mitreisenden offenbar nicht. Ich merke, wie mir mißtrauische Blicke zugeworfen werden; auch höre ich hier und da Äußerungen des Inhalts fallen, daß häufig auch bolschewistische Spione in Denikins Etappenstellungen, unter dem Vorwand, sie seien Flüchtlinge, eindringen. Bald gelingt es mir aber, den rechten Ton zu treffen, den Damen, die an Luftmangel im engbesetzten Wagen leiden, einige zarte Aufmerksamkeiten zu erweisen und ein weinendes Kind dadurch zu beruhigen, daß ich es unterhalte. Meine

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