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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 11 · p. 638

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 11
Article
Denikins Pogrome
Date
1924-01-01
Page
638 (sequence 8)
Language
German
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638 Arjeh Tartakower: Widerstandskraft und Anpassungsfähigkeit an die unmöglichen Reisebedingungen erkläre ich damit, daß ich während des Krieges lange als Schwester an der Front gearbieitet und mit meinem Mann beschwerliche Reisen durch Sibirien gemacht habe. Es wird Abend. An Schlaf ist nicht zu denken. In der Nacht wird unser Wagen auf irgendeiner Haltestelle von einer Schar von Junkern1) gestürmt: „Wir gehören zum Militär. Wir müssen fahren. Rücken Sie zusammen." — „Man kann nicht mehr zusammenrücken." „Vielleicht sind Juden darunter. Die setzen wir gleich heraus, und dann haben wir Platz." — „Juden gibt es hier allerdings, einige Personen sozusagen semitischen Ursprungs", — näselt eine ältere Dame mit einer Lorgnette, — „und natürlich wäre es komisch, wenn man sich genieren wollte, sie herauszusetzen, um unseren tapferen Verteidigern Platz zu schaffen." Noch ein Augenblick — und der selbstbewußte Zuckerfabrikant wird von zwei Junkern, die zuvorkommend seine herrlichen Lederkoffer tragen, hinausgeleitet. Mit den anderen geht man weniger zart um. In der Dunkelheit merke ich, wie mich jemand am Ärmel zupft. „Einen Augenblick!" Ich dränge mich ins Ntebenabteil. „Hören Sie, Sie sind eine Russin, aber Sie sind gütiger als die anderen. Erfahren Sie, was mit meinem Mann geschieht; treten Sie für ihn ein!" Ich blicke in die tränenfeuchten Augen einer in kostbare Pelze gehüllten, schönen, jungen Frau. Wie ich auch helfen möchte, wobei ich Gefahr laufe, die feindliche Aufmerksamkeit der anderen auf mich zu lenken und im besten Fall auch herausgesetzt zu werden, — so hätte ich doch in dieser haßerfüllten Atmosphäre natürlich nichts ausrichten können. Ich antworte: „Vergeben Sie, gnädige Frau, ich kann nichts für Sie tun." Die schönen Augen sehen mich mit bitterem Vorwurf an und funkeln dann haßerfüllt. Nach einer halben Stunde setzt sich der Zug wieder in Bewegung; der Zuckerfabrikant kehrt zurück, hat allerdings seine Koffer geopfert, die „erst durchsucht werden müssen." Die übrigejn, darunter auch Damen, kommen nicht wieder. ARJEH TARTAKOWER / ZUR GESCHICHTE DES JÜDISCHEN SOZIALISMUS V. Vom Ausbruch des Weltkriegs bis zu der Nachwirkung der russischen Revolution. Wie für die allgemeine sozialistische Bewegung, so bedeutete der Weltkrieg auch für die jüdische durch seinen Verlauf, insbesondere aber durch seine Auswirkungen einen großen Wendepunkt. Man kann sogar behaupten, daß das vom Jahre 1917 an rasende Tempo der sich überstürzenden Erx) Zöglinge der Offizierschulen werden in Rußland Junker genannt.

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