Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1924-01-01 · Heft 11 · p. 636

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 11
Article
Denikins Pogrome
Date
1924-01-01
Page
636 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101212-3109825--7444-3109855
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

636 Jrina Kachowskaja: worte, Getrampel auf der Treppe, wieder Kolbenschläge — eine Tür wird eingebrochen; erschrockenes, flehentliches Rufen; wildes Geschrei, Gelächter. Stockwerk um Stockwerk gehts herauf, bis die Reihe an uns kommt. Ich stehe neben Stassj an der Tür, und wir horchen. Sie lesen meinen Namen auf der Visitenkarte an der Tür. Man klopft . . . ,,Wir sind keine Banditen, Fräulein, wir sind russische Offiziere. Bitte, öffnen Sie!" Der Treppenabsatz und die ganze Treppe ist dicht gedrängt voll Bewaffneter; einige tragen blaue Brillen, andere wieder haben die Baschlyks fest um den Kopf geschlungen; sie halten Ladestöcke in den Händen. Die ganze Gruppe wird beleuchtet vom flimmernden Kerzenstummel in der Hand einesOffizier-Gents, der seinen Kratzfuß macht und seine Rede reichlich mit französischen Brocken spickt. Lange unterhalten wir uns mit ihm. Nun gehen sie, bitten um Entschuldigung für die Störung und wünschen eine geruhsame Nacht . . . Kaum haben sich die schwer geängstigten Leute, die sich bei uns verborgen hielten, beruhigt und niedergelegt, als lautes Klopfen an der Tür wieder alle auf die Beine bringt. Offenbar hatte die Frau des Pförtners verraten, daß sich Juden bei uns verborgen hielten, und da sind jene nun zurückgekehrt. Nun ist alles verloren. Die Pförtnerin ist ein wütendes russisches Weib, das entsetzlich schimpfen kann und jeden Juden, der ihren Hof beschmutzt oder nicht rechtzeitig vor Toresschluß nach Hause kommt, einen Bolschewik nennt; sie hat gedroht, sie werde jeden angeben. Alle Einwohner zitterten vor dieser Person. Wir hatten alle Hoffnung aufgegeben und öffneten die Tür. Und in der Tat, — es war die Pförtnerin, doch kam sie allein und war gar nicht wiederzuerkennen: sie umarmte und küßte die Hausbewohner und erzählte weinend von den Greueltaten der Pogromhelden in der Nachbarwohnung. Dann ging sie. Wir waren auls höchste erstaunt. Vom frühen Morgen an sieht man verwundete Frauen und Kinder in langen Reihen durch die Straßen ziehen; sie wollen in die Ambulatorien, um sich verbinden zu lassen. Weinend berichten sie begegnenden Bekannten von den Schrecknissen der Nacht. Der Pogrom dauert einige Tage. Die Menschen fliehen aus noch nicht geplünderten in andere Viertel, wo die Progromhelden schon etliche Mal gehaust haben, suchen Unterschlupf in Wohnungen von Russen ... Allgemach kommt das Leben wieder ins gewohnte Geleise. Die Geschäfte werden geöffnet. Auch die Zeitungen erscheinen wieder. Schulen ist zurückgekehrt und beginnt in seinem „Kiewljanin" eine richtige Judenhetze in zynischen und lügenhaften Feuilletons; er spottet über die Feigheit der Juden, die heulen und die Fensterscheiben einschlagen, wenn sie nur ein Militärlastauto sehen; er erinnert an die Opfer, die die Tscheka gefordert habe, und spricht von Blut, das nach Rache schreit. Schwarz auf weiß sind eine Reihe von Wohnungsadressen zu lesen, aus denen angeblich während der bolschewistischen Invasion auf die freiwillige Armee geschossen worden ist. Die Haus- und Wohnungsnummern, desgleichen die angeführten Namen, machen einen imponierenden Eindruck und regen in der Bevölkerung eine neue Welle antisemitischen Hasses auf, der unter dem Einfluß rein menschlicher Reaktion nach dem soeben erlebten Blutbade abgeflaut war —

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.