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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 11 · p. 635

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 11
Article
Denikins Pogrome
Date
1924-01-01
Page
635 (sequence 5)
Language
German
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Denikins Pogrome Absicht zur Plünderung ausgeliefert worden zu sein. Aller menschlichen Eigenschaften bar, wild und vollkommen vertiert, machen sich die Schkurobanden, die wohl fühlen, daß sie die Macht hinter sich haben, ans Werk. Die Sache beginnt mit einer Erstürmung der jüdischen Geschäfte am Kreschtschatik, mit kleineren Raubüberfällen und Schlägereien auf den Märkten und in den Judenvierteln; gegen Abend nimmt der Pogrom in furchtbarer Weise überhand. Tagsüber hat sich die große Menge abseits gehalten; noch sind die Leidenschaften nicht aufgepeitscht. Diese systematische, planmäßige, unglaublich grausame Vergewaltigung und Beraubung der jüdischen Bevölkerung wird von Soldaten unter Führung von Offizieren exekutiert. Kaum senkt sich die Dämmerung auf die Stadt nieder, als auch Lastautomobile — eins nach dem andern — zur Vornahme der „Operation" auffahren. Die Stadt ist in Rayons aufgeteilt, die Straßen — in Viertel. Fauchend machen die Lastautos vor den verbarrikadierten Toren halt, an 20—30 Bewaffnete steigen ab; oft sind sie — unbekannt warum — maskiert; erst klingeln sie, dann wird geklopft, schließlich werden die Holzbarrikaden ohne Mühe zertrümmert, und die Bande stürmt in den Hof. Man beginnt mit den unteren Stockwerken; die Eingangstür wird mit den Kolben eingestoßen; alles wird 'zerbrochen, geraubt, geplündert, vergewaltigt; sogar kleinen Kindern werden Hemd und Schuhe genommen. Gegen Russen, die Juden bei sich versteckt halten, wird ohne Erbarmen vorgegangen. Im Hause hört man das Klirren von Fensterscheiben, Geschrei, Heulen. Inmitten der Stille der terrorisierten Stadt, im Dunkel der Nacht heult und stöhnt und brüllt ein fünf- oder sechs Etagen hoher Hauskoloß, erst laut, verzweifelt, hysterisch, dann dumpfer und dumpfer. Das Lastauto wird mit allerhand geraubtem Gut beladen, und wie ein böses Insekt, das sich mit Blut vollgesogen hat, fährt es nun widerlich surrend ab. Mit Zittern wartet das nächste Haus, bis es an die Reihe kommt. Die wehrlosen Menschen horchen an den geöffneten Fenstern, woher das Stöhnen, woher das Surren kommt ... Ist es Haus Nr. 20, so müssen wir im Hause Nr. 16 noch mindestens eine Stunde warten, bis Haus Nr. 18 erledigt ist. Es besteht keine Möglichkeit, irgendwohin fortzugehen oder sich zu verbergen, jeder ist im eigenen Winkel wie gefangen; auf Schonung ist nicht zu rechnen. Wir, das ist M. S., Marussja (eine linke Sozialrevolutionärin, die nicht zu unserer Gruppe gehörte), Stassj mit seiner Frau und ich, saßen zusammengedrängt im Zimmer eines ausschließlich von Juden bewohnten Hauses. An der Eingangstür ist meine Visitenkarte mit meinem rein russischen Namen angebracht. In unsere Wohnung, d. h. unter russischen Schutz, kommen die Nachbarn; Frauen schleppen ihre Teemaschinen, ihre Kleider heran, denn sie hoffen, sie auf dieseWeise zu retten. Wir horchen am Fenster; irgendwo ganz in unserer Nähe surrt das Auto. Aus dem Nachbarhause ertönt Geschrei. Die Menschen pressen sich aneinander; sie weinen und flehen; das äußerst gespannte Ohr und die rege Einbildungskraft fängt einzelne Worte und Ausrufe von drüben auf. Donnernde Kolbenschläge am Tor, grobes Geschrei, die Bretter am Tor gehen in Splitter, wüste Schimpf-

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