Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Denikins Pogrome
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 634 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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634 Jrina Kachowskaja; hieb, die Brust war blutüberströmt. Flehend und voller Erwartung blickte er uns an. Vielleicht sind wir doch Menschen, vielleicht werden wir ihn verteidigen und ihm helfen; wir wenden uns ab, der Kutscher fährt an ihm vorüber. Der Jude geht in derselben Richtung zur Stadt — offenbar will er nach Hause; im Schritt folgen ihm die Kosaken, sie treiben ihren Spott mit ihm und spielen mit ihm wie die Katze mit der Maus; sie haben Schaum an den Lippen; ihre Augen sind blutunterlaufen und blicken trunken. Der Jude hat sich offenbar beruhigt und geht nun schon auf dem Bürgersteig. Zehn Minuten später, — wir hatten das Gepäck inzwischen an Ort und Stelle gebracht, — fahren wir denselben Weg in derselben Droschke wieder zurück. Vor einem winzigen Hause mit drei Fenstern, davor ein halb heruntergeschlagenes Schuhmacherschild hängt, halten dieselben berittenen Kosaken im Halbkreise. Einer von ihnen zertrümmert mit seiner Nagaika alle Fensterscheiben der Hütte. Das Volk auf der gegenüberliegenden Straßenseite sieht neugierig und voller Grauen zu. Der Jude hatte sich offenbar vor den Kosaken in sein Haus retten wollen, und nun wird dieses Haus wie die Höhle eines wilden Tieres belagert. Ich nehme Abschied von den Genossen, steige an einer Haltestelle der Elektrischen aus der Droschke und kehre mit der Kleinbahn nach Swjatoschino zurück. Zum dritten Male muß ich an derselben Stelle vorüberfahren. Vor den Augen flimmert — wie im Panorama — ein Bild. Die Straße liegt tiefer als die Aufschüttung für das Gleis der kleinen Bahn, und aus dem Kupeefenster kann ich deutlich genug ins Innere des Häuschens blicken. Eine saubere, kleine Stube, in der Mitte ein mit einem Tischtuch bedeckter Tisch; zwei Kinder, im Alter von fünf und sechs Jahren etwa, weinen und zupfen nervös an dem Tischtuch. Im Winkel lehnt eine Frau an der Wand und ringt die Hände. Auf dem Fußboden liegt derselbe Greis, und der Kosak stochert ihm,mit seinem Säbel im Halse herum; das Knie hat er ihm auf die Brust gesetzt... In den ersten Tagen der Denikinschen Okkupation waren wir so niedergeschmettert von all den Eindrücken, und es war so schwer, sich anzupassen und zu gewöhnen, daß wir nur darauf bedacht waren, möglichst selten unser Haus zu verlassen, um uns nicht irgendwo durch einen empörten Ausruf etwa oder gar durch einen Blick zu verraten; wir wandten alle Mühe daran, um unseren jüdischen Genossen die erforderlichen Ausreisegenehmigungen und Gift zu verschaffen, das wir alle für alle Fälle bei uns haben wollten. IL Nach drei Tagen sind die Bolschewiki zur* Stadt hinausgedrängt. Langsam kommt die aufgestörte und erbitterte ,,alte Regierung" in die Stadt zurückgekrochen. Der erste Herr der Stadt ist Schkuro mit seiner Bande von „Wölfen". (Ich habe nicht genau feststellen können, ob das tatsächlich Schkuros Banden waren. Oft nannten sie sich selber so und wurden von der Kiewer Bevölkerung dafür gehalten.) Die Stadt scheint ihnen mit