Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Denikins Pogrome
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 633 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Denikins Pogrome 633 allein, der Gesichtsausdruck können den Wagennachbarn verdächtig erscheinen; man hört verdächtiges Getuschel und hinterlistige Fragen. In der Stadt ist ein „stiller" Pogrom im Schwange, der allerdings nicht elementar ausartet, der sich noch in gewissen Grenzen hält, dank einiger Überreste an menschlichem Empfinden, trotz aller Provokation. Tagsüber kann man wohl etliche Male sehen, wie Juden, die unvorsichtig genug waren, sich auf der Straße zu zeigen, bald hier, bald dort von Kosakentrupps geschlagen werden; sie werden irgendwohin verschleppt, dann läßt man sie blutüberströmt liegen. Die Zeitungen registrieren täglich an 60 bis 70 Personen jüdischer Herkunft, die, unbekannt von wem und unter welchen Umständen, hingemordet wurden. Unsere jüdischen Parteigenossen bleiben in ihren Häusern, und wir versorgen sie mit Lebensmitteln. Es ist vollkommen klar, daß sie an unserer Partei- und Kampfarbeit nicht werden teilnehmen können; bei der ersten sich bietenden Gelegenheit müssen sie aus Kiew nach Charkow fort oder nach Odessa, wo von keinen Judenprogroms zu hören ist. Einstweilen kommt man aber nicht heraus. Die Züge verkehren mangelhaft. Fahrkarten werden nur gegen die polizeiliche Beglaubigung ausgehändigt, daß die betreffende Persönlichkeit sich nie an der bolschewistischen Bewegung beteiligt habe. Es gelingt uns, solche Beglaubigungen zu beschaffen, aber selbst wenn man nun auch im Zuge ist, kann man nicht mit Bestimmtheit sagen, daß man sein Reiseziel auch wirklich erreichen werde. Eine Parteigenossin, die nach Charkow gereist war, schrieb uns von dort mit Gelegenheit: „Um Gotteswillen, reist nicht! — meine Haare sind weiß geworden, so kam ich in Charkow an wegen all der Greuel, die ich unterwegs habe sehen müssen. Die »Schwarze Hundertschaft* wütet besonders in den Zügen. Die Reisenden werden gezwungen, das , Vaterunser' und das ,Credo* herzusagen, oder man nötigt sie, russische Worte auszusprechen, die Personen mit jüdischer Aussprache besonders schwer fallen. Wer als Jude erkannt wird, wird unbarmherzig gemartert und bei voller Fahrt zum Wagen hinausgeworfen. Reisende haben auf allen Bahnlinien, die nach Kiew führen, viele Hunderte solcher Leichen liegen sehen." In der Stadt selber haben besonders die Vorstädte mit dichter jüdischer Bevölkerung zu leiden; täglich kann man da auf den Straßen —und wie oft! — blutige Szenen sich abspielen sehen. Ein besonders schrecklicher Fall hat sich mir tief ins Gedächtnis geprägt. Ich fuhr zusammen mit einem Genossen nach Schuljawka; wir brachten einiges Gepäck zu einer teilnehmenden und hilfsbereiten Maximalistin in Verwahrung. Die Sonne ging unter. Als wir ausfuhren, merkten wir, daß die Straße, durch die wir zu fahren hatten, auffallend menschenleer war. Weiter vorne waren einige scharf umrissene Silhouetten berittener Kosaken zu sehen, die sich vom abendroten Himmel abhoben! Sie schlugen mit ihren Säbeln auf etwas los, das da am Boden lag. Wir mußten vorbeifahren. Als wir näher kamen, erhob sich eine menschliche Gestalt vom Erdboden und kam uns schwankenden Schrittes schnell entgegen. Das war ein alter Jude in langem Kaftan mit Peissacken. Übers ganze Gesicht zog sich ein Blutstreifen von einem Säbel-