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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 11 · p. 632

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 11
Article
Denikins Pogrome
Date
1924-01-01
Page
632 (sequence 2)
Language
German
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632 Jrina Kach owskaja: sich in der Tat viele Erschossene, aber auch viele, die zufällig in diesen wirren Tagen auf der Straße aufgelesen wurden — Leichen von Unbekannten; das alles wird den Bolschewiki in die Schuhe geschoben. Vor der erregten Menge, die sich vorwiegend aus Weibern zusammensetzt, hält irgend ein Mann, der sich vor einen Leichenhaufen postiert hat, eine hysterische Rede. Die Pilgerfahrt zur Tscheka in der Katharinen- und Lewaschowerstraße beginnt mit dem frühen Morgen und wird etliche Tage fortgesetzt; die Tscheka war in denselben Gebäuden untergebracht worden, wo Eichhorn und Skoropadskij ihr Hauptquartier aufgeschlagen hatten. Ausländische Journalisten... sogenannte,, Intellektuelle" mitphotographischen Apparaten... das einfache Volk. . . Ringsum hört man nur Weinen und Heulen. Nur notdürftig mit Erde zugeschüttete Leichen von Leuten, die noch kurz zuvor gelebt haben, werden ausgegraben; man erkennt in ihnen Verwandte oder Bekannte. Eine Mutter mit halbirrem Gesichtsausdruck sucht nach ihrem Sohn. Leichen, Leichen ohne Ende. Auf einem Müllhaufen dort in der Ecke liegt der beim Abzug erschossene Wächter der Tscheka — ein Jude. Die Kellerräume werden geöffnet — überall Blutlachen,zerbrochene Flaschen, Zigarettenstummel. Das alles wird dann schon am folgenden Tage auf Hunderten von Photographien in den Schaufenstern der wieder geöffneten Läden vom Volke begafft. Die Atmosphäre ist unheilschwanger zum äußersten. Man hat Angst, ein Wort nur zu sagen, eine überflüssige Bewegung zu machen. Alle verdächtigen einander, jeder spioniert hinter dem andern her. ,,Da — Rosa — die Tschekistin! Mit eigener Hand hat sie Gefangene heruntergeknallt!" ruft jemand aus dem Volk, und im Augenblick bildet sich ein furchtbarer Knäuel von brüllenden Menschen um sie her; und was dann mit der angeblichen „Rosa" geschah — ich weiß es nicht. Die Augenzeugen irren durch die ganze Stadt, sie erzählen und übertreiben, was sie gesehen haben: überall hysterisches Schluchzen, Weinkrämpfe. Bis zum Abend des nächstfolgenden Tages hat sich die Stadt in einen Schauplatz richtig hochgehender, antisemitischer Erregung gewandelt. Die Kinos werden wieder geöffnet, und das aufs äußerste erregte Publikum sieht nun auf der Leinwand phantastische Bilder von Folterqualen. Das Spitzelwesen durchdringt sofort alle Lebensporen, die freiwillige Spionage und das Herumhorchen und Schnüffeln der Bürger vergiftet alle Beziehungen der Menschen untereinander derart, daß das ganze Leben ein krankhaftes qualvolles Gepräge erhält. Täglich muß ich mit der Kleinbahn nach Swjatoschino hinaus. Völlig krank komme ich dort an, — so wirken die ungeheuerlichen, blutrünstigen Gespräche, die ich unterwegs mit anhören muß, auf mich ein. In allen Villenorten haben bereits Judenpogrome stattgefunden. Die mitreisenden Villenbewohner und Bauern der nächstgelegenen Dörfer, die Milch und Obst auf den Markt in die Stadt bringen, können sich nicht genug daran tun, alle blutigen Zwischenfälle zu erörtern, und unisono verfluchen sie die Juden und rufen alle Strafen des Himmels auf dieses Volk herab. Das Schweigen

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