Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Denikins Pogrome
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 631 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Jrina Kachowska ja: Denikins Pogrome 631 JRINA KACHOWSKAJA / DENIKINS POGROME Vorbemerkung der Redaktion: Die nachfolgenden Auszüge entstammen dem Buche einer (nichtjüdischen) russischen Sozialrevolutionärin, in dem sie ihre Erinnerungen an die Attentate auf Eichhorn und Denikin" wiedergibt. Es ist im Verlag „Skythen", Berlin, erschienen. Das Buch ist eines der erschütterndsten menschlichen Dokumente unserer Zeit. Obwohl die Kachowskaja an beiden Attentaten hauptbeteiligt war, ist die Darstellung von einer tendenzlosen Sachlichkeit, deren Stil unmittelbar auch den überzeugt, der die einzelnen Tatsachen nicht nachprüfen kann. So-dürfen denn diese Pogromschilderungen, die die Ereignisse des Spätjahres 1919 schildern, als eine Geschichtsquelle ersten Ranges gelten. I. Das ganze elegante Publikum, das sich während der Bolschewikenherrschaft nicht vorgewagt hatte, strömte nun durch die Straßen. Man umarmte einander, Tränen wurden getrocknet, man bekreuzigte sich. Die Kirchenglocken läuteten mit Macht, und oberflächlich betrachtet machte die Stadt in diesem wundervollen Herbst den Eindruck, als werde da ein großes Freudenfest gefeiert. Das wenig selbstbewußte, städtische Proletariat und die Kleinbürger, die von all dem nur das eine begriffen, daß die Bolschewiki nicht mehr da wären und das Brot infolgedessen billiger werden werde, schlössen sich dem allgemeinen Jubel an. Wie gestern, so wurden die Befreier auch heute gesegnet und die „Juden" verflucht, wobei dieses Wort ein ganzes Meer von Haß zu bergen schien. Die neuen Machthaber wichen von ihrem üblichen Aktionsprogramm nicht um ein Jota ab und begannen mit der Pogromagitation sofort nach ihrem Eintreffen. Etwa um 2 Uhr nachmittags sah man einen furchtbaren Zug den Kreschtschatik lang defilieren. In einigen Droschken führte man schrecklich zugerichtete Männer und Frauen — Juden — an einer wutentbrannten Menschenmenge, die sich auf den Bürgersteigen gestaut hatte und nur mit Mühe von einem Soldatenspalier zurückgedrängt wurde, langsam vorbei. Von den Wagen her ertönte herzzerreißendes Angstgeschrei und Hilferufe: 5,Warum? was tat ich euch? nur, weil ich Jüdin bin!" - schrie eine junge, gut gekleidete Frau; ihre elegante Bluse hing ihr in Fetzen vom Leibe; drei Kosaken, die auf den Trittbrettern und im Wagen standen, suchten sie mit der flachen Klinge zum Schweigen zu bringen. Überall Glockenklang, Blumen, Musik. Die Fenster des Leichenschauhauses, die auf die Funduklejewskaja hinausgehen, werden geöffnet; ein unerträglicher Leichengeruch verpestet einige Stadtviertel; Spitzel, die sich geschickt heran- - schlängeln, raunen: „Da verfaulen die Opfer der Bolschewiki". Ein Karren, beladen mit den Leichen ermordeter Juden, kommt herangefahren. Eine ganze Menschenwelle folgt diesem Karren durch das geöffnete Tor des Anatomikums. Im großen Saal der Morgue sind die halbverfaulten Leiber an der Wand wie Bretter übe reinander geschichtet. Darunter befinden