Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Das Verhältnis der Sowjetmacht zum Judentum
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 629 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Verhältnis der Sowjetmacht zum Judentum 629 Viele verlassen heute überhaupt das Land und emigrieren nach Palästina, nach Westeuropa und nach den Vereinigten Staaten. Die Frage der Gründung jüdischer Kolonien im Süden Rußlands ist erst kürzlich, vor etwa iy2 Jahren, aufgeworfen worden. Ihr wurde von der jüdischen Bevölkerung Rußlands viel Interesse entgegengebracht. Die gegenwärtigen Verhältnisse in Rußland sind jedoch zu verworren, um ein dermaßen grundlegendes Problem in verhältnismäßig so kurzer Zeit praktisch lösen zu können. Im letzten Jahrzehnt vor dem Kriege war der Wohlstand der russischen Juden im steten Wachsen begriffen. Es bestand kein Bedürfnis nach einer regelrechten Kolonisation. Unzufriedenen wurde der Weg über den Ozean überaus leicht gemacht. Heute jedoch ist das Judentum Rußlands wirtschaftlich völlig ruiniert — die Bevölkerung der großen Städte durch die Anwendung des „militärischen Kommunismus", der arme ukrainische Jude durch den Hunger und den roten Terror. Die Sehnsucht nach einem eigenen, geschützten Land stieg empor. In den ersten „blutigen" Jahren der Sowjetherrschaft verließen Tausende die Städte und suchten auf dem Lande Schutz und Nahrung. Es fand etwas wie eine Abwanderung der Juden von Zentralrußland nach der Ukraine und Weißrußland statt. Damals gelangte einiges Land in die Hände jüdischer Ackerbauern: im Gouvernement Kiew r 1 000 Hektar, in Weiß-, rußland 13 000 Hektar, im Gebiet von Odessa 18 000 Hektar, in Podolien 6000 Hektar usw. Die jüdischen, erst während der Sowjetherrschaft entr staridenen Ansiedlungen bestehen heute noch fort. In der Hauptsache werden hier Tabakkulturen gepflegt. Auch im Gebiet zwischen Odessa und Balta haben etwa 600 jüdische Familien Landhäuser errichtet und sich hier der Landwirtschaft gewidmet. Diejenigen jüdischen Ansiedlungen — im Gouvernement Cherson und Jekaterin o s 1 a w — welche bereits vor dem Kriege bestanden, haben während des Bürgerkrieges entsetzlich gelitten. Hier, namentlich in der Umgebung des Fleckens Guiai-Polje, hauste der Bandenführer Machno jahrelang. Im Resultat ist in diesen Ansiedlungen durch Pogrome und Bandenüberfälle mehr als die Hälfte der Bevölkerung ausgerottet worden. Das alles wirkt noch nach; der Drang zur Ansiedlung ist daher sehr gering; und im allgemeinen läßt sich sagen, daß die Aussichten einer Kolonisation von jüdischen Flüchtlingen in der Ukraine gleich null sind. Nach dem Gesagten dürfte es nicht schwer sein, ein Urteil darüber zu fällen, wie weit, unter den heutigen „Sowjetumständen", der Plan der Begründung einer autonomen jüdischen Republik auf russischen Territorium ernst genommen werden kann. Vor einigen Monaten trat die „Jüdische Sektion" der Russischen Kommunistischen Partei mit dem phantastischen Projekt hervor, die „jüdische Frage" durch die Begründung einer jüdischen Republik in Weißrußland zu lösen. Es lagen diesem Plan offenbar Ziele zugrunde, die nichts mit einer Erleichterung der Lage der russischen Juden gemein hatten, und man wird gut tun, dieses Hervortreten der Kommunisten als einen ihrer üblichen