Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Das Verhältnis der Sowjetmacht zum Judentum
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 630 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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630 George s Popoff: Das Verhältnis der Sowjetmacht zum Judentum weltpolitischen Bluffs zu bewerten. Veranlassung hierzu gibt auch die Tatsache, daß dieser Plan gerade vor etwa 1% Jahren an die Oberfläche der Weltpolitik gelangte, als die Debatten über die Anerkennung der Sowjetmacht in ein kritisches Stadium getreten waren. Die Bolschewisten sind sich dessen durchaus bewußt, daß das Anleihe-Problem immerhin in einer gewissen Verbindung mit ihrer Politik gegenüber der jüdischen Bevölkerung ihres Landes steht. Die Vermutung liegt nahe, daß in Moskau das Traumbild der „jüdischen Republik" zum Zwecke einer entsprechenden Wirkung auf die jüdischen Bankiers in den Vereinigten Staaten erfunden worden war. Die He;rbeilockung der in Amerika ruhenden jüdischen Kapitalien bildet seit jeher eine Sehnsucht der Herren im Kreml .... Außer dieser Idse einer weißrussisch-jüdischen Republik wären noch einige andere Projekte zu erwähnen, wie z. B. die Vorschläge, jüdische Republiken im Altai-Gebirge, in Baschkirien und im Norden des Kaukasus oder im Gouvernement Odessa zu gründen, die alle jedoch ins Gebiet jener Phantasiegebilde gehören, denen man sich in Rußland seit jeher hinzugeben beliebt hat, ohne im entferntesten an ihre Verwirklichung zu denken. Natürlich gibt es in Moskau auch eine besondere Kommission (unter dem Vorsitz Zurjupas), welche diese Projekte „erörtert".........Auch Tschitscherin läßt hin und wieder diesbezüglich einige prahlerische Sentenzen verlauten. So erklärte er kürzlich einem amerikanischen Journalisten, daß „angesichts des Fiaskos des jüdischen Staates in Palästina", er, Tschitscherin, dem jüdischen Volke den Süden Rußlands zwecks Begründung einer „besseren Republik" überlassen wolle . . . Welch gewagte Behauptung! Denn wie unendlich weit ist man in Rußland heute noch von dem entfernt, was bereits in Palästina geschaffen worden ist, wo eine junge Generation jüdischer Auswanderer das Werk der Besiedlung so glänzend vollbringt, daß es von kompetenter Seite als ein „bewundernswertes Werk" und „eine der wenigen positiven Leistungen unserer Zeit" bezeichnet worden ist. Währenddessen haben in Rußland nicht einmal die Verhandlungen, welche die Vertreter des „Joint" seit Monaten mit der Sowjetregierung wegen der jüdischen Kolonisation führen, zu irgendwelchen praktischen Resultaten geführt. Eine Tatsache bleibt bestehen: die wirtschaftlich wie moralisch unsäglich schwere Lage der Juden in Rußland, die heute mit Wehmut selbst der blutigen zaristischen Vergangenheit nachtrauern und denen in der Zukunft nicht der geringste Hoffnungsstrahl entgegen zu leuchten scheint.