Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Das Verhältnis der Sowjetmacht zum Judentum
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 628 (sequence 4)
- Language
- German
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628 Georges Popoff: Es findet seitens der Sowjetmacht eine stillsch weigende Duldung verschiedener gegen die jüdische Bevölkerung gerichteter Ausschreitungen statt. Durch Rußland geht zurzeit eine starke nationale Strömung. Die Sowjetmacht paßt sich ihr an und ist unauffällig, aber beharrlich bemüht sich selbst als „national" — trotz allem Internationalismus und Weltkommunismus — herauszustreichen. Bei diesem Bestreben dient ihr das Judentum nicht selten als willkommenes Opfer, was beispielsweise anläßlich der gewaltsamen Verwandlung einer Reihe von Synagogen in ,,Arbeiterklubs" beobachtet werden konnte. Dieses Schicksal ereilte auch die bekannten Synagogen in Charkow und Berditschew. Es läßt sich mit den Juden leichter als mit mancher anderen Minderheit Rußlands umspringen — weil die jüdische Bevölkerung keine agrarische Macht darstellt. Es gibt in Rußland so gut wie keine jüdischen Landarbeiter und landbesitzenden Bauern. Deshalb fürchtet man sie weniger. So ist es möglich geworden, daß unter allen Minderheiten Rußlands die jüdische Minderheit die geringsten Rechte hat. So paradox es klingen mag — Sowjetrußland ist das einzige Land, wo jüdische Lehrer, welche in ihrer Sprache Unterricht erteilen, verhaftet und auf Zwangsarbeit verschickt werden können, wo jüdische Bücher (bourgeoisen Inhalts) verbrannt werden, wo es überhaupt verboten ist, jüdische Bücher (außer kommunistischen Werken) zu drucken. An eine in naher Zukunft bevorstehende Besserung der Lage der Juden in Rußland ist aus dem Grunde nicht zu denken, weil die Verfolgungen, denen sie ausgesetzt sind, durch die allgemeine Linie der Sowjetpolitik bedingt sind. Es ist das ,,System**, das diese Leiden der Juden fortdauern läßt. Angesichts dieser Tatsache muß die Haltung derjenigen jüdischen Politiker fast töricht erscheinen, die von der Sowjetmacht irgendwelche Wohltaten für das Judentum überhaupt erwarten. Die ,,jüdische Sektion" der russischen kommunistischen Partei übt keine anderen Funktionen aus als diejenigen einer Art jüdisch-kommunistischen Polizei, d. h. einer politischen Überwachung des übrigen nichtkommunistischen Judentums. So ist auch der offizielle „Kampf" der Sowjetmacht gegen den Antisemitismus nichts mehr als der Ausdruck eines gewissen Selbsterhaltungstriebes dieser Macht, an der immerhin ein starker Prozentsatz von Juden beteiligt ist. Doch auch im Verhalten dieser Männer hat sich in letzter Zeit manches geändert. Ihre Stellung den geknechteten Glaubensgenossen gegenüber war natürlich mehr als peinlich und zweideutig. Nicht allen konnte sie erträglich sein. Dadurch erklärt sich die bemerkenswerte Tatsache, daß im Verlaufe der letzten Jahre eine große Anzahl von Juden aus ihren R e g i e r u n g s ä m t e r n und aus den Reihen der kommunistischen Partei ausgeschieden sind. Während der letzten ,, Partei Säuberung" waren beispielsweise in Odessa von der Gesamtzahl der Ausgeschiedenen nicht weniger als 90% Juden, wobei deren Abgang durchaus freiwillig erfolgte. Halten doch auch die meisten jüdischen Kommunisten innerlich an ihrem Judentum, trotz alledem, beharrlich fest.