Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Das Verhältnis der Sowjetmacht zum Judentum
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 627 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Das Verhältnis der Sowjetmacht zum Judentum 627 Die Geschichte der Zioni sten Verfolgungen in Sowjetrußland ist endlos: im April des Jahres 1922 wurden sämtliche Teilnehmer des illegalen Kongresses der zionistischen Arbeiterpartei „Zeire Zion" („Hithachduth") verhaftet. AlleTeilnehmer wurden nach dem Gefängnis der Kiewer Tscheka verschleppt, wo sie zunächst mehr als 4 Monate schmachteten. Endlich, am 26. August 1922, begannen die Verhandlungen vor dem „Revolutionstribunal". Die Anklageschrift war dermaßen plump und sinnlos abgefaßt, daß sie selbst vom Standpunkt der Sowjetjustiz als haltlos bezeichnet werden mußte: es wurde den Zionisten nicht mehr und nicht weniger als konspirative Verbindung mit dem Papst, mit Poincar6 und mit dem ukrainischen Pogromhelden Petljura zur Last geschrieben. Schließlich wurden von den etwa 40 Teilnehmern des Kongresses 12 zu 2 Jahren Zwangsarbeit, n zu 1 Jahr Zuchthaus und 17 zu 2 Jahren Konzentrationslager verurteilt. Obgleich die meisten der Verurteilten, infolge verschiedener Sowjetamnestien, früher freikamen, so hat die erste Gruppe dennoch 13 volle Monate — d.h. bis zum 10. August 1923—schwere Kerkerhaft erdulden müssen. Alle verließen die Gefängnisse als seelisch und körperlich gebrochene, vor der Zeit gealterte Männer. Am 9. August 1923 wurde eine andere zionistische Vereinigung verhaftet, deren Mitglieder zuerst 5 Monate in Moskauer Gefängnissen verbrachten und dann nach dem Narym-Gebiet, dem sibirischen Verbannungsort der Sowjetmacht, geschickt wurden. Im selben Monat 1923 wurde eine Gruppe von Zionisten in Charkow verhaftet und nach den kirgisischen Steppen verschickt; dasselbe Schicksal erlitten zahlreiche Zionisten aus Schitomir, Njeshin, Sluzk und anderen Städten. Im ganzen läßt sich feststellen, daß zur Zeit in Rußland mehrere 100 Zionisten, darunter eine große Anzahl von Mitgliedern der zionistischen Jugendverbände, in Gefängnissen und sibirischen Zwangskerkern schmachten. Diese Verfolgungen! der jüdischen Organisationen erfolgten natürlich in erster Linie auf Grund der allgemeinen, im Grunde ihres Wesens antibourgeoisen und antireligiösen Politik der Sowjetmacht und keineswegs infolge eines gewollten Antisemitismus. In der Praxis hat sich jedoch hierbei die Unmöglichkeit einer Abgrenzung erwiesen: von der Verfolgung der jüdischen Bourgeoisie, der jüdischen Kultur und der jüdischen Religion bis zur ausgesprochenen Judenhetze konnte es nur ein Schritt sein — und ist es in der Tat auch nur gewesen. Wohl ist in Sowjetrußland der „Antisemitismus" an und für sich kein Diskussionsthema. Man gibt sich den Anschein, als wisse man nichts von seinem Bestehen. Er besteht aber trotzdem. Pogrome sind selten, obgleich auch solche stattgefunden haben — so beispielsweise organisierten die Truppen des bolschewistischen Reitergenerals Budenny 1920 einen Pogrom in der Ukraine; auch fanden im November 1923 in Moskau, im Stadtteil Prjessna, innerhalb der dort stationierten Truppen, ernste Exzesse gegen jüdische Rotarmisten statt, wobei in beiden Fällen eine starke antisemitische Agitation beobachtet worden ist. 40*