Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 11
- Article
- Das Verhältnis der Sowjetmacht zum Judentum
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 626 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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626 Georges Popoff: lieh als von sehr kurzer Dauer und hat heute wieder einer neuen Welle des „militärischen Kommunismus" Platz gemacht. . . Die schwersten Prüfungen mußte die jüdische Bevölkerung, wie alle übrigen Bürger Rußlands, natürlich in den ersten 3 Jahren der Sowjetherr-. schaft über sich ergehen lassen. Bereits 1918 und 1919 begann eine planmäßige Verfolgung der zionistischen Organisationen. Damals wurde das bekannte Dekret veröffentlicht, laut dem alle zionistischen Organisationen als verboten erklärt wurden. Diesem Willkürakt der Sowjetmacht lag hauptsächlich der bolschewistische Vernichtungswille gegen dieBourgeosie und Religiosität als solche zugrunde. Da jedoch die Mehrzahl der Juden wohlhabende und vor allen Dingen religiöse Leute wären, so mußte die jüdische Bevölkerung die Schwere dieser Maßnahmen oft eher und schmerzhafter als andere Bevölkerungsschichten verspüren. Gleichzeitig trat eine völlige Umwälzung im Alltagsleben des russischen Juden ein. Man kann heute getrost behaupten, daß der Typ des kleinbürgerlichen, orthodoxen Juden, der einst die ukrainischen Städte und Flecken bevölkerte, in bescheidenen Lehmhütten wohnte und in philosophischer Beschaulichkeit seinen Thalmud studierte, fast nirgends mehr existiert. Seine strenge Orthodoxie hat die ältere Generation der jüdischen Kleinbürger natürlich auch heute noch nicht aufgegeben. Im Gegenteil — die Verfolgung der Religiosität durch die Sowjetmacht hat eher ein noch strengeres Festhalten am Ritual zur Folge gehabt. Aber der äußere Habitus hat sich verändert, hat sich dem Sowjetmilieu angepaßt, hat seine Ehrwürdigkeit verloren .... Nicht minder schmerzvoll verspürt der aufgeklärte, intellektuelle Jude, der Zionist, die Wandlungen der ,,neuen Zeit". Mit der Verfolgung der zionistischen Organisationen ging der Kampf gegen die jüdische Sprache und die jüdische Kultur im gleichen Schritt einher. So wurde beispielsweise die noch unter dem Zarismus begründete „Gesellschaft der Freunde der jüdischen Sprache", welche in Rußland Bedeutendes für die Begründung jüdischer Schulen geleistet hatte, gleichfalls, kraft eines besonderen Dekrets, geschlossen. Im selben Jahre 1919 wurden auch die mächtigsten zionistischen Organisationen in der Ukraine, in Kiew und Odessa, aufgelöst und ihre Führer verhaftet. Die Zionisten sahen sich nur genötigt, konspirativ zu arbeiten. Ganz wie unter dem Stolypinschen Regime veranstalteten sie von nun ab geheime Zusammenkünfte. Ende April des Jahres 1920 fand in Moskau eine illegale Konferenz der Zionisten statt, die jedoch sofort von der „Tscheka" in corpore verhaftet wurde. Die „Tscheka" veröffentlichte aus diesem Anlaß eine offizielle Erklärung, die besagt, daß die Zionisten mit Handgranaten und anderen Mordinstrumenten bewaffnet gewesen seien, „illegale Literatur" verbreitet haben usw., was selbstverständlich nichts anderes als eine glatte Erfindung war. Trotzdem wurden sämtliche arretierten Zionisten, darunter ehrenwerte Greise, über 3 Monate in den Kellerräumen der Tscheka in Haft gehalten.