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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 623

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
Bearbeitungen jüdischer Melodien
Date
1924-01-01
Page
623 (sequence 6)
Language
German
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Umschau: Musik 623 Melodie ist in der Tat unverkennbar uralt und dürfte ursprünglich sine reine Volksmelod i e gewesen sein. Als solche müssen wir sie durchaus unterscheiden gegenüber der Form der T e m p e 1 m e 1 o d i e , die sie erst später angenommen hat und deren Charakter man aus Stutschewskys Bearbeitung in gleicher Weise heraushört. Der Psalter, wie er vorliegt, ist zweifellos eine Zusammenstellung aus verschiedenen Sammlungen, die vom Volke erzeugt, in den einzelnen Tempeln gesungen wurden. Die Psalmen 8, 1; 81, 1; 84, 1 wurden zum Beispiel „nach der Githith" (nach der Singweise von Gath) gesungen; anderseits gibt es Psalmen, die nach der Art der Kinder Korachs, des Assaph u. a. gesungen wurden, was darauf hinweist, daß diese Gründer der in den Büchern der Chronik vielfach erwähnten Sängerfamilien den ursprünglichen Volksgesang in den Tempelgesang übernommen haben. In diesen Sängerfamilien haben wir die eigentlichen Übersetzer des Volksgesanges in den Tempelgesang zu sehen. Nach heutigen Begriffen würde man Korach, Assaph, Heman, Jeduthun als Dirigenten bezeichnen; doch mögen sie mehr als das gewesen sein: nämlich Bearbeiter der Volksgesänge zu Tempelgesängen. Psalm 22 stammt nun zweifellos aus einer solchen Übertragung. Nach der Überschrift ist er zu singen „nach Hirschkuh der Morgenröte" (Luther: „vorzusingen von der Hindin, die frühe gejagt wird"). Das beweist, daß diese Melodie ursprünglich ein Volkslied war, vielleicht von Hirten stammend, wie ja David selbst ein Hirte war, dessen Gesang Saul bezauberte. Es ist sogar anzunehmen, daß gerade viele der schwermütigen Melodien aus der Welt der Hirten stammen, denn das Hirtenleben hat immer etwas von der schwermütigen Idylle gehabt, die es heute noch für uns hat. Nicht umsonst ist die Flöte, dieses elegischste Instrument, bis auf den heutigen Tag das Instrument der Hirten geblieben. Einzelne Psalmen tragen ja auch noch die Vorschrift: „Zu Flöten". Jedenfalls, soviel ist sicher: die starke Melancholie der Psalmen hat ihren eigentlichen Nährboden im Hirtenleben, denn dort ist der Mensch einsam mit seiner Seele, dort vernimmt er den ^esang der Seele selber. Und der Gesang der Seele ist der erhabenen Schwermut des Leides niemals ganz entfremdet. Stutschewsky hat die Melodie fast durchniit modernen Mitteln bearbeitet und ist dadurch zweifellos dem Keim dieses erschütternden Gesanges nahe gekommen. durchgehendes Andante espressivo hält öie Stimmung, während die akzentuierenden Elemente vom „innigen Ausdruck" zu „leidenschaftlich" und „drängen" anschwellen, bis dann der Schluß „sehr breit" auslädt. Der fortgesetzte Taktwechsel erhöht die Wirkung dieser emporquellenden Klage. Mit diesem Schwerpunkt im Rhythmischen ist Stutschewsky, wie gesagt, zugleich modern und uralt. Denn die starke Berührung der modernen Musik mit der primitiven und orientalischen liegt gerade in diesem Schwerpunkt des Rhythmus. -Die Zeit der streng, harmonischen Mentalität hat, wie sie die Melodie nebensächlich behandelte, den Rhythmus nahezu verdrängt. Gewiß gibt es keine Musik ohne Rhythmus, aber man kann nur dort von einem Schwerpunkt des Rhythmus sprechen, wo auf seine Verwendung nach seinen drei Möglichkeiten, nach Takt, Tempo und Akzent, die größte . Bedeutung gelegt wird, wo man ihn nicht gleichförmig und einförmig anwendet, während die Harmonie in ihren gesamten Möglichkeiten und Unmöglichkeiten durchsucht und ausgelaugt wird. Der Orientale kann sich ein Lied nur im Zusammenhang mit der Bewegtheit des Menschen denken. Diese Bewegtheit ist aber nichts anderes als der Rhythmus. Stutschewsky hat mit der Anwendung dieses durchaus modernen Mittels den Anschluß an die Urbedeutung dieser Melodie gefunden. Auch harmonisch hat er mancherlei Anschluß an die moderne und zugleich uralte Musik gefunden. Die Begleitung hält stark zürück, läßt die Melodie vollkommen zu Wort kommen und vermeidet möglichst ein Brillieren mit Virtuosenmätzchen. Die Harfen-Glissandi wollen wir der Vorstellung zugute halten, daß die Psalmen mit Harfen begleitet wurden. Zweifellos ist daran garnicht zu rütteln, zumal ein großer Teil der Psalmen mit der Anmerkung versehen ist: „Zu Harfen". Ob aber das Glissando die Art des Harfenspiels war, bleibt sehr zu fragen; es ist eher anzunehmen, daß die Melodie nur einfach durch einen oder zwei Saitentöne fortschreitend unterstützt wurde. Das Glissando ist zu abgeschmackt, als daß man in ihm die Urform des Harfenspiels erkennen könnte. Sehr sympathisch klingen die Oktavenparallelen, die dem Gesang immer wieder eine starke Feierlichkeit verleihen. Im ganzen kann man sagen, daß Stutschewsky der Gefahr einer reinen Harmonisierung sehr geschickt ausgewichen ist. Wir können durch diese Bearbeitung hindurch die Gewalt der Urmelodie vernehmen, die so groß ist, daß wir beinahe den Zusammenhang dieses Psalms mit jenen erschütternden Worten auf Golgatha empfinden.

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