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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 622

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
Bearbeitungen jüdischer Melodien
Date
1924-01-01
Page
622 (sequence 5)
Language
German
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622 Umschau: Musik Synthese zugleich stofflich und wesenhaft vorbereitet. Die jüdischen Melodien anderseits sind darin durchaus orientalisch geblieben. Ganz abgesehen davon, daß sie— wie wir bereits gesehen haben — überhaupt nicht harmonisch intendiert sind: sie sind auch entstanden als reiner Gesang oder als reines Spiel. Gesang und Spiel: das sind recht eigentlich die musikalischen Intentionen des Orientalen und des Juden. Und wie zur Illustration dieser beiden wesenhaften musikalischen Äußerungen hat Joachim Stutschewsky eine Psalm-Melodie und einen Tanz für Violoncell und Klavier bearbeitet. Nun ist es natürlich eine Frage, ob man den Gesang einem Instrument überantworten darf, selbst wenn man diesem die gleiche melodische Linie überläßt. Das vokale Prinzip ist auf alle Fälle so unbedingt primär, daß jede Übertragung der Melodie ins Instrumentale irgend etwas Künstliches, Abstraktes hat. Dabei kommt es allerdings immer auf das Instrument an, dem die melodische Führung anvertraut wird. Das Violoncell hat unter den europäischen Instrumenten durchaus einen Vorzug: es eignet sich weit besser als Violine und Viola zur Wiedergabe von Kantilenen, von gesanglichen Stellen, und wird auch meistens dafür verwendet. Wo ihm nun, wie hier, der Vortrag einer ganzen Melodie überlassen ist, ist es das denkbar geeignetste Instrument, den Ausfall der menschlichen Stimme zu ersetzen. Im übrigen sei aber, trotz ,,Kol nidrai", eindringlich vor solchen Übersetzungen ins Instrumentale gewarnt. Selbst wenn man es dem Spiel zugute hält, muß gesagt werden, daß die fehlende menschliche Stimme immer gegenüber dem Instrument einen Verlust bedeutet. Der Gesang ist ein so unmittelbares Verbundensein des Menschen mit dem Göttlichen, daß das Instrument, das seine Rolle übernimmt, irgendwie profaniert. Der Gesang ist an das Geschlecht des Singenden gebunden, die Kraft seines Eros entscheidet die Unbedingtheit seiner Wirkung; das Instrument ist geschlechtslos, es hat keinen Eros, es hat nur einen Resonanzkörper, dessen akustische Wirkungsmöglichkeit mechanisch errechnet ist. Die vollkommene Geschlechtslosigkeit des Instrumentes kann auf keinen Fall die Inbrunst des menschlichen Gesanges ersetzen. Wir können in der Musikgeschichte ganz genau verfolgen, wie durch den Prozeß der Loslösung vom Konkreten das Instrument die Herrschaft zusehends an sich riß, wie der gesamte abstrakte Kosmos der abendländischen Musik (gemeint ist also vorzugsweise die nordische Musik) ein einziges progressives Zunehmen der instrumentalen Massen bedeutet, während das vokale Prinzip, mit dem alle Musik ursprünglich einsetzt, immer mehr verdrängt wurde, weil ja auch der konkrete Mensch immer mehr in den Hintergrund trat. In frühesten Zeiten hatte das Instrument die Aufgabe — sofern es nicht dem menschlichen Körper rhythmisch diente — der menschlichen Stimme zu dienen. Solange es dies tat, erfüllte es eine legitime Funktion. Als es aber anfing, die menschliche Stimme zu beherrschen, durch die Entwicklung immerhin in ihm vorhandener melodischer Möglichkeiten, da wurde es dem Menschen tragisch. Die Zunahme der Instrumentalmassen geht parallel mit der Überhandnähme der europäischen Sachkultur; die Abkehr von der menschlichen Stimme bedeutet die Abkehr von der konkreten Qualität des Seins, und das Anwachsen des Instruments die Hinwendung zur abstrakten Quantität des bloßen Könnens. Mit der Stimme i s t man etwas; mit dem Instrument kann man alles. Die quantitative Anhäufung der Instrumentalmassen bei Wagner und Strauß dient den Zwecken der optischen Ausmalung und der raffinierten Ausnützung technischer Möglichkeiten, die in dem Instrument liegen. — Bei Mahler hingegen ist die Instrumentation symbolisch: in der sechsten Sinfonie ringen die Instrumentalmassen miteinander und in der achten Sinfonie läutert sich aus dem Meer der Klangphänomene der Triumph des Gesanges empor zum Göttlichen. Bei ihm bedeutet die Weit der Instrumente eben — die Welt, und die Stimme des Einzelnen oder des Chores das Lichtzeichen Gottes, das sich aus dem Chaos der Instrumentalmassen loslöst. So ist es auch bei den übrigen Vokalsinfonien und erst recht bei dem „Lied von der Erde", ganz zu schweigen von den Liedern, die eine ewige Apotheose der menschlichen Stimme darstellen, viel umfassender als bei irgendeinem anderen Vokalkomponisten unserer Zeit. — Was also der Gesang gezeugt hat, sollte des Gesanges bleiben, auch wenn ein Instrument geeignet sein sollte, wenigstens ein Abbild der melodischen Urkraft zu geben. III. Einen weitreichenden Ersatz in diesem Sinne bietet Stutschewskys Bearbeitung des 22. Psalms: ,,fili, l§li lama asawt h ani". ,,Nach einer alten jüdischen Volksmelodie", so sagt Stutschewsky selbst. Die

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