Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Bearbeitungen jüdischer Melodien
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 621 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Musik 621 Zweiter Teil. Joachim Stutschewsky Zwei jüdische Melodien. I. Die Bearbeitungen, von denen ich bis jetzt sprach, hatten — mit Ausnahme des „Kol nidrai" — die Absicht, die primitive Melodie in ein europäisches Gewand zu bringen, um sie so dem Westen zu vermitteln. Anders bei den beiden jüdischen Melodien, die Joachim Stutschewsky bearbeitet hat.1) Er hat von vornherein nur instrumentale Absichten. Insofern stellt sich für ihn natürlich das Problem ganz anders dar. Ihm ist es nicht darum zu tun, die Melodie zu vermitteln, sondern darum, sie s p i e 1 b a r zu machen. Das ist etwas so grundsätzlich Anderes, daß ich mich erst bei diesem Unterschied aufhalten möchte, bevor ich die beiden Melodien betrachte. Stutschewsky hat in seinen Instrumentalbearbeitungen eine charakteristische Linie: von den alten Italienern über Mozart zu den jüdischen Melodien. Diese Linie ist kein Zufall: es ist die Linie des reinen Spiels, der Musik, die nicht irgendwelchen programmatischen, optischen oder psychologischen Wirkungen nachgeht, sondern ganz einfach aus der naiven Freude am Spiel geboren ist, die jede Affektsprache vermeidet und sich als das gibt, was immer das Wesen der Musik ausgemacht hat: eben als Spiel. Wir haben hier eine bedeutsame Antithese vor uns, die neuerdings Walter Dahms sehr glücklich als Musik des Südens und Musik des Nordens formuliert hat und die, wie ich in einem Aufsatz über „Abendländische und morgenländische Musik und ihre Synthese" gezeigt habe, letzten Endes gleichsinnig ist mit Musik des Westens und Musik des Ostens. Denn der europäische Süden hat nicht nur in seiner Musik nachweisbare orientalische Elemente ■ darauf käme es gar nicht so sehr an —, s?nc?ern es kommt auch das Wesen der südlichen Musik dem orientalischen so vollkommen nahe und ist insofern der eigentlichen abendländischen Musik, der Musik des Nordens, entgegengesetzt, daß die Gleichsinnigst der Antithesen: Süden— Norden, Osten — Westen offensichtlich ist. Dieses Wesen der südlichen und der östlichen Musik ist also in allererster Linie das ^fili, iSli, lama asawthani, nach einer alten jüdischen Volksmelodie, M- 1,20, und: Mchol Kedem, Danse Orientale, M. 1,50, beide im Verlag Gebrüder ttug u. Co., Zürich und Leipzig. Spiel. Irgendwie ist diese Musik mit dem Menschen verknüpft. Sei es der singende Mensch oder der musizierende, der darstellende oder der tanzende: die Musik ist nicht losgelöst vom Menschen und von seinem optischen Sein. Der Schwerpunkt der Optik liegt hier also beim Menschen, nicht in der Musik selbst. Daher erschöpft sich diese Musik in Rhythmus und Melodie; d. h. genauer, nicht sie erschöpft sich, vielmehr: sie schöpft aus Rhythmus und Melodie. Die Harmonie ist die Welt der abstrakten Optik, nicht der konkreten, und daher eine künstliche. Der südliche und östliche Mensch braucht sie nicht. Darum ist seine Musik auch nicht belastet mit künstlichen Elementen: die Welt des Optischen geht durch das Auge, die Welt des Akustischen durch das Ohr. Dort erst, wo beide Künste gleichmäßig ausgebildet sind, ist Synthese, nicht etwa dort, wo die Musik die Welt des Optischen künstlich in sich erzeugen kann, weil sie dadurch notwendig das Akustische einbüßt. Der Mensch des Südens und der Mensch' des Ostens stellen sich also immer zugleich im Spiele dar. Insofern ist der italienische Gesang an den Sänger gebunden, das Instrument an den Musikanten. Man beachte z. B. das innige Verwachsensein des alten Italieners mit seiner Geige. Die Geige ist im Süden entstanden, und dort hat sie ihre organische Bedeutung. In der nordischen Instrumentalmusik ist sie losgelöst vom darstellenden Menschen, und darum wirkt sie mechanisch. Ebenso ist die Oper im Gegensatz zum Musikdrama reihe Darstellung, gebunden an den konkreten Menschen. Die Oper ist immer nur die Welt des Rhythmus und der Melodie, das Musikdrama immer irgendwie Sinfonie. Die orientalische Musik schließlich untermalt die sinnliche Darstellung nur rhythmisch, und der Gesang ist entweder Kantillation oder reine Melodie. Nirgends ist aber die Musik etwas anderes als Spiel, und nirgends geschieht das Spiel anders als durch den Menschen. II. Auf dieser Linie, die vom alten Orient zu dem südlichen Okzident führt, liegt auch Mozart und liegen die jüdischen Melodien. Denn Mozart hat sich nicht nur an der Sonne des Südens erwärmt und die Musik des Spiels in den Norden verpflanzt, er hat auch gleich dem späten Goethe in der „Entführung" und in der „Zauberflöte" — vom türkischen Marsch oder von der maurischen Trauermusik ganz abgesehen — eine west-östliche