Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Bearbeitungen jüdischer Melodien
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 620 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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620 Umschau: Musik Man verstehe mich nicht falsch: ich meine nun nicht, daß man nur ruhig darauf ios harmonisieren dürfe; vielmehr stehe ich heute immer noch auf dem Standpunkt, daß man diese Lieder möglich vor Harmonisierungen bewahren soll, weil sie nur in ihrer ursprünglichen Melodik ganz auf uns wirken können. Was ich hier meine, ist, daß wir uns mit der Notwendigkeit der bereits erschienenen Bearbeitungen abfinden und auch in ihnen einen gewissen Wert sehen müssen: den Wert der Vermittlung. Sollte sich der Westen, wie angedeutet, bald daran gewöhnt haben, das Harmonische nicht mehr als primär zu betrachten (eine Möglichkeit, die aus der Wirkung Schönbergs schon nahezu abzusehen ist) — um so besser! Dann wird man die Kläglichkeit der Harmonisierung einsehen und von selbst darauf verzichten. III. Ü&|Bis jetzt sprach ich von dem ostjüdischen Volkslied und seinen Bearbeitungen. Nicht minder schwierig ist das Problem bei den ganz alten Melodien, die heute noch in den Synagogen gesungen werden. Diese haben schon eine große Anzahl namhafter Bearbeiter gefunden. Als ihre bedeutendsten nenne ich nur Lewandowski, Wain - t r a u b und Naumbourg. Auch hier steht naturgemäß das Prinzip der Harmonisierung im Vordergrund, wenn auch durchweg auf die harmonische Begleitung Verzicht geleistet wird. Ein vielfach beibehaltenes kantillierendes Element bezeugt zwar noch stellenweise die Echtheit und das hohe Alter — wie dies auch aus den Tropen (N'ginoth) zum Teil hervorgeht —, aber bei beiden, bei der Kantillation und bei den Tropen, ist die Überarbeitung, die Zurechtbiegung deutlich spürbar, was den ursprünglichen Charakter sehr stark verwischt. Dennoch gilt auch für diese Bearbeitungen, was über die Bearbeitungen des Volksliedes gesagt wurde: sie waren notwendig für das an westlicher Musik geschulte Ohr, weshalb es sinnlos ist, sie nachträglich zu verdammen. Ihre Bedeutung liegt vor allen Dingen darin, daß die Melodie zugänglich gemacht wird. Sicherlich wird sich einmal eine Reform der Synagogalmusik ereignen, viel größer und gewaltiger als jene unter Hiskia, dann wird man auch die uralten Lieder von ihren künstlichen Behängen frei machen, um sie in ihrer reinen und hehren Schönheit neu erstehen zu lassen. Bis dahin bleibt keine andere Möglichkeit der Vermittlung als die Bearbeitung. Es kommt natürlich bei allen diesen Bearbeitungen sehr darauf an, über welchen Grad der Musikalität der Bearbeiter verfügt. Man beachte die verschiedenen Bearbeitungen der bekanntesten synagogalen Melodien, des „Wehakauhanim", des „Olenu", des „Kol nidrai". Man vergleiche zum Beispiel die Bearbeitung des ,,Kol nidrai" von Lewandowski mit der von Max Bruch, ganz abgesehen von den vielen Bearbeitungen dritten und vierten Ranges. Lewandowski ist sachlicher und wohl auch ursprünglicher geblieben, Bruch hat ein farbiges Konzertstück daraus gemacht, allerdings ohne musikalisch unbedeutend zu werden. Schon bei zwei Vergleichen ergibt sich ein wesentlicher Unterschied in der Art und im Grad der Musikalität. Dieser Unterschied wird zusehends größer, je mehr Vergleiche wir heranziehen. Es fragt sich: bleibt da der Kern vollkommen gewahrt? Ganz gewiß kann er nie vertilgt werden, sind doch die Bearbeitungen in allererster Linie harmonischer Natur. An der melodischen Linie ist meist nur soviel geändert, als zur Zurechtbiegung in eine bestimmte Tonart erforderlich ist. Streifen wir diese Zurechtbiegung und die eventuelle Begleitung ab, so haben wir fast durchweg ein melodisches Gebilde vor uns, dessen hohes Alter zweifelsfrei feststeht. Damit bleibt eine große Aufgabe noch vorbehalten: die des musikwissenschaftlichen Vergleichs, wie er sich allein aus dem vorstehenden Vergleich ergibt. Da es unbestreitbar feststeht, daß alle synagogalen Melodien auf einen letzten wesenhaften melodischen Urkeim zurückgehen, wird es Sache der vergleichenden Analyse sein, aus dem vielen Gerank der Bearbeitungen den melodischen Urkeim herauszuschälen und damit einen doppelten Weg zu bereiten: einmal zur Wiedergeburt einer echten jüdischen Musik, zum anderen zur Lösung der großen Frage, worin eigentlich die vielumstrittene jüdische Musik bestehe. Allerdings, ohne Synthese darf diese Analyse nicht vorgenommen werden; sonst zerbröckelten auch die schöpferischen Urgebilde, und es bliebe zuletzt nur noch die viel behauptete „Tatsache", daß auch die jüdische Musik entlehnt sei wie die gesamte jüdische Kultur — ein Ergebnis, zu dem neuerdings offenbar auch Paul Nette gekommen ist, wie ich aus Max Brods Darstellung in der „Selbstwehr" entnommen habe. Eine Synthese müßte eben gerade ergeben, daß das eigentlich Schöpferische an dieser Musik nur jüdisch und daß alles Beiwerk Asche ist, die zurückbleibt, wenn man die leuchtende Flamme der Schöpfung entzieht.