Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Bearbeitungen jüdischer Melodien
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 619 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Umschau: Musik 619 Tonart anpaßte, aber auf die Klavierbegleitung verzichtete; Arno Nadel, der sowohl Jontefflieder wie auch ostjüdische Volkslieder für westlichen Gesang einrichtete, teilweise auch bei seinen Harmonisierungen den echten Musiker verrät; schließlich Janot S. Roskin, dessen Bearbeitungen in dem Musikverlag „Hatikwah" erschienen sind und der zwar weniger Besonnenheit in der Auswahl verrät, aber doch ganz geschickte Begleitungen zu den bekannteren ostjüdischen Melodien geschrieben hat. Die zuverlässigste und ernsteste Arbeit hat dabei Kaufmann geleistet. Kaufmann war sich auch der Gefahren bewußt, die eine Harmonisierung in sich birgt. Die Auswahl, die er in seinem Büchlein „Die schönsten Lieder der Ostjuden" getroffen hat, verdient den Titel vollauf und zeugt von einem starken Verantwortungssinn. Über sie wird einmal in einer Sonderarbeit noch zu sprechen sein. Kaufmann weiß sehr wohl, daß das europäische Dur- und Mollsystem nicht ausreicht, diese Lieder ganz zu erfassen. Allein die Tatsache des Vorhandenseins von Viertel- und Achtel tönen macht es an sich schon unmöglich, die Lieder restlos auf europäische Tonart zu reduzieren. Wie kommt es aber, daß trotzdem das Vorherrschen der Moll- Tonarten sofort herausgehört wird, gerade hier, wo doch von einer Kenntnis von Dur und Moll nicht gesprochen werden kann? Wir rühren hier an ein fundamentales Problem, das uns auch erklären könnte, wieso es überhaupt möglich ist, daß vollkommen unharmonisch intendierte Melodien dennoch harmonisch erfaßt werden können, ohne daß ihr Wesentliches restlos eingebüßt wird. Wie in jedem Ton von Urbeginn die gesamte Obertonreihe implizite enthalten war, so daß diese Obertonreihe nur auf experimentellem Weg zu entdecken war, um die Entstehung der Harmonie zu ermöglichen, so sind auch Dur und Moll implizite in aller Musik seit Urbeginn enthalten, nur ungespalten, ungeteilt, ja mit dem Schwergewicht auf Moll. In der primitiven und orientalischen Musik herrscht der Moll-Charakter vor, ohne daß jedoch das Dur fehlte. Dur wird erst vorherrschend im Okzident, und damit erst werden Moll und Dur als polare Sphären empfunden. Das war der Punkt, an dem die Entstehung der Harmonie gegeben war. Moll und Dur waren von nun ab zwei Gegensätze, die genau gegeneinander abgegrenzt werden konnten. Dies hat die Entwicklung der Musik auch gründlich getan, eben in der Lehre von der Harmonie. Damit ist Dur das entwicklungsgeschichtliche Ergebnis der Musik, Moll (mit Dur gemischt) der wesentliche Gehalt aller Musik. Daß man also in der jüdischen Musik, in dem jüdischen Lied ein Vorherrschen der Moll-Tonarten empfindet, ist, wie so vieles, orientalisches Legat. Sie steht dadurch dem Wesen der Musik jedenfalls näher als die europäische Dur- Musik. Es handelt sich auch bei diesem Vorherrschen1 von Moll keineswegs um die Tatsache, daß sie nun doch „harmonisch" intendiert sei, vielmehr nur darum, daß sie dem Quell aller Musikalität am nächsten geblieben ist. Warum sollen Kinderlieder, Wiegenlieder, Liebeslieder, Freudenlieder nicht auch in Moll möglich sein? Dur bedeutet ja durchaus nicht allein Heiterkeit, Moll allein Schmerz; sondern Dur ist das Harte, Klare, Männliche; Moll das Zarte, Dunkle, Weibliche. Ursprünglich war das alles noch nicht polar, erst dem Okzident blieb es vorbehalten, einen schrankenlosen Dualismus aufzurichten, innerhalb dessen das eine Geschlecht (nicht umsonst nennt man Dur und Moll die beiden Tongeschlechter) endlich das andere beinahe vollkommen überherrschte. Damit ist es aber auch verständlich, daß jüdische Melodien prinzipiell einer Harmonisierung nicht widerstreben. Sie lassen sich immerhin in harmonische Gesetze einspannen, ohne daß sie ihren Charakter vollkommen einbüßen. Was widerstrebt, das ist ja einzig die Tatsache, daß auch Moll, wie in der orientalischen Musik, nicht ungemischt vorkommt; weshalb es natürlich nie ohne einige Gewaltsamkeit abgehen kann. Insofern tun die Bearbeiter auch vollkommen recht, wenn sie angesichts der Unmöglichkeit, dem westlichen Publikum östliche Melodien anders als durch Harmonisierung, zu vermitteln die Melodien nach harmonischen Gesichtspunkten bearbeiten und sie so zugänglich machen. Einmal wird man doch auf die Quellen zurückgreifen; dann, wenn der westliche Mensch aufgehört hat, nur statisch zu empfinden. Inzwischen tun die Melodien auch in ihrem unnatürlichen Gewände ihre Schuldigkeit. Im Kern wird nämlich die östliche Dynamik nicht zu verdecken sein. Sie wird wirken, und sie wird die verhärtete Substanz langsam, aber sicher auflösen. Dann wird der Zeitpunkt gekommen sein, wo diese Kleinodien keines besonderen Gewandes mehr bedürfen, wo sie in ihrer Unmittelbarkeit und Absolutheit wirken werden. Uns dünkt, dieser Zeitpunkt sei nicht mehr allzu fern.