Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Bearbeitungen jüdischer Melodien
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 618 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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6x8 Umschau: Musik MUSIK Bearbeitungen jüdischer Melodien Erster Teil. Einige prinzipielle Bemerkungen. I. Schon oft wurde die Frage gestellt: Sollen jüdische Melodien zum Vortrag mit harmonischen Mitteln bearbeitet werden? Sollen diese Lieder, die überhaupt nicht aus einer Tonart heraus empfunden sind, in eine solche gepreßt werden, um eine harmonische Begleitung zu ermöglichen? Die Antworten sind verschieden, je nachdem es sich um einen Bearbeiter selbst handelt oder um einen mehr außenstehenden Betrachter. Der Bearbeiter sagt natürlich: ja, denn seine Tätigkeit besteht gerade darin, das Spröde gefällig zu machen für das technisch verwöhnte westliche Ohr. Der Betrachter sagt meistens: nein, denn er empfindet wohl ganz richtig, daß eine Melodie an Ursprünglichkeit verliert, wenn sie in ein Schema gepreßt wird, das ihr innerlich und äußerlich vollkommen fern liegt. Wo liegt da der richtige Standpunkt? Unzweifelhaft steht fest, daß alle jüdischen Melodien (selbst die, in denen sich westlicher Einfluß erweisen ließe) nicht harmonisch intendiert sind. Irgendwo vom Volk gesungen, sind sie entstanden ohne' das Bewußtsein um Gesetz und Harmonie. Das Volk singt seine Melodien so, wie sie mit ihm gewachsen sind — darum ist jede Volksmelodie eine Pflanze, die ihren Keim hat und die nur langsam gereift ist! Dies erklärt die Verschiedenartigkeit der Melodien, in der wir oft ein jüdisches Volkslied singen hören können. „Drüben" hat man keine starre Melodie auf einen Text; es gibt nur einen melodischen Keim, und aus diesem heraus singt jeder nach seiner Art: — ein durchaus schöpferisches Verhältnis zur Melodie.1) Diese schöpferische Dynamik ist der westliche Mensch nicht gewöhnt. Darum verlangt er nach einer starren Festlegung der Melodie, denn nur so vermag er, sie in sich aufzunehmen. Und daraus ergibt sich die Notwendigkeit der Bearbeitung. Schuld an der harmonischen Bearbeitung ist also nur das westliche Ohr, das in seiner Starrheit keine Fähigkeit hat, sich auf die Irrationalität des östlichen Liedes einzustellen. Gewiß, auch der westliche Mensch x) Diese, wie so viele andere Hinweise, verdanke ich dem Karlsruher Kantor Jakob Kleimann, der vor Jahren aus dem Osten herüberkam. hat ein Volkslied, das seiner Entstehung nach in ähnlicher Weise irrational ist, wie das östliche. Aber dieses westliche Volkslied ist entweder ganz überholt durch das Kunstlied, oder es ist selbst in den Bestand des Kunstliedes aufgegangen. Die Intention des Kunstliedes ist jedoch nicht der melodische Keim, sondern irgend ein vorgelegter Dreiklang, aus dem heraus die melodische Linie sich entfaltet und über dessen mathematisch genau festgelegte Grenzen die Melodie nicht hinaus gehen darf oder soll. Daß sie doch hin und wieder den Dreiklang durch Erhöhung oder Erniedrigung durchbrechen muß, weist auf die ganze nüchterne Kläglichkeit des Schemas. Im übrigen ergibt sich aber aus dieser akkordischen und nicht linearen Intention die Notwendigkeit, die me - lodische Linie fortgesetzt so zurechtzubiegen, daß sie in das Schema paßt und daß außerdem die harmonische Begleitung passend gemacht werden kann. Denn dadurch, daß die Melodie fortgesetzt auf den intendierten Akkord zurückbezogen wird, wird die harmonische Begleitung ein vollkommen mechanischer Prozeß, der sich aus dem Akkord und der daraus entfalteten melodischen Linie von selbst ergibt. Es ist nun klar, daß ohne eine Bearbeitung im westlichen Sinne diese östlichen Lieder dem Europäer einfach fremd bleiben müßten — und darin hat sich auch der Jude gewöhnt, europäisch zu empfinden, wiewohl gerade die jüdischen Komponisten die harmonische Intention des Westens zersetzt haben. Insofern trifft der Vorwurf nicht die Bearbeiter, sondern gerade den westlichen Menschen, der eben nur noch in mechanischer Beziehung zu empfinden und zu genießen vermag. Insofern auch erledigt sich die zum Eingang erhobene Frage dahin, daß es nicht Sache der Bearbeiter ist, von der Bearbeitung Abstand zu nehmen, sondern daß es in erster Linie Sache des westlichen Menschen ist, zu diesen Liedern ein schöpferisches Verhältnis zu suchen, wodurch sich dann die harmonische Bearbeitung von selbst erübrigen würde. II. Die bis jetzt bekanntesten und wohl auch bedeutendsten Bearbeiter jüdischer Melodien sind J. Engel, der die Volkslieder sehr geschickt und nicht überladen instrumentierte; Fritz Mordechai Kaufmann, der vielleicht die richtigste Konsequenz zog, indem er die Lieder zwar einer