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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 616

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
Zur Auseinandersetzung mit der europäischen Wissenschaft [Rezension]
Date
1924-01-01
Page
616 (sequence 4)
Language
German
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6i6 Umschau: Religionsphilosophie verloren gegangen waren. In einer Formel: die Transzendenz Gottes wird i. alsErlebens- Jenseitigkeit; 2. als Lebens Jenseitigkeit; 3, als Ideen- Jenseitigkeit bestimmt. Der Verzicht auf die Darlegung der menschlichen Zusammenhänge, in denen die Religion entspringt, so sehr er auch theologisch legitim ist, führt zu prinzipiellen Schwierigkeiten dort, wo es sich um das Verständnis der Geschichte der Religion handelt. Daß auch hier ein jüdisches Interesse von höchster Aktualität vorliegt, wird nicht bestritten werden können: Die Auseinandersetzung zwischen Orthodoxie und Liberalismus, mehr noch die Auseinandersetzung dieser beiden Parteien mit dem Zionismus kann die Berufung auf die Bibel nicht entbehren. Immer wieder hat die jüdische Publizistik der letzten Jahrzehnte, wenngleich meistens in dilettantischer Weise, das nur bibel-wissenschaftlich behandelbare Problem des Verhältnisses von Prophetie und Königtum umkreist. Das Prinzip der Religions-Geschichte nun, das Otto herausstellt, reicht hier keinesfalls aus. Damit soll nicht das Verdienst geschmälert werden, das sich Otto jedesmal dort erwirbt, wo er konkrete geschichtliche Analysen gibt. Besonders ist hierbei an den Aufsatz ,,Prophetische Gotteserfahrung" (Das Numinose, Nr. 17) zu denken, in welchem der entscheidende Schritt zum Wiederverständnis der Eschatologie, das lange Zeit hindurch durch christologische, aufklärende und vor allem romantische Vorurteile verschüttet war, getan wird. Bedenken haben wir gegen die Art, wie der Mythos als Vorstufe der Religion ausgegeben wird. ,,Das AaifjLOViov wird zum Qsiov. Die Scheu wird zur Andacht. Die verstreuten und verworren aufzuckenden Gefühle werden zur religio. .. Das Numen wird zum Gott und zur Gottheit." (Das Heilige p. 132.) Diese Entwicklung ist nun — so behauptet Otto — nicht mit der ,,Rationalisierung" des Numinosen, dem anderen Momente der Religionsgeschichte, identisch; sie vollziehe sich im Unterschiede von der ,,Rationalisierung" „rein in derf Sphäre des Irrationalen selber". Es muß aber gefragt werden, ob diese beiden Entwicklungen so ,,nebengeordnet" sind, wie Otto meint — ob wirklich das Numinose nachträglich die unabhängig von ihm vorhandenen ,,rationalen" Ideen ,,an sich zieht". Gegen Xenophanes polemisierend, bemerkt Otto: ,,In der wirklichen Religionsgeschichte aber sind die Dinge ganz anders zugegangen. Nicht vom Bekannten, Vertrauten und Heimlichen, sondern vom Unheimlichen ist hier die Entwicklung ausgegangen". (Das Numinose p. 16.) Religion ist die Erfahrung vom Ganz- Anderen, von dem ,,zu allem Menschlichen Entgegengesetzten". Es ist gerade darum aber sehr zweifelhaft, ob die geschichtliche Entwicklung vom Unheimlichen ausgeht. Was Otto sagt, ist zum mindesten mißverständlich. Es mag für einige Strecken der Religions-Geschichte gelten, etwa für die Entwicklung von Arnos und Jesaja bis hin zum RMbaM oder zu Cohen. Was die Situation betrifft, in der die biblische Prophetie steht, so ist für diese bezeichnend, daß die prophetische ,,Religion" nicht als ,,unheimlich", sondern gerade als heimlich, als zu heimlich leidenschaftlich verworfen wird. Und das Ergebnis dieser Verwerfung des Heimlichen ist der „Rationalismus" der Propheten. Man kann sich dies leicht etwa an Arnos 9 V. 7 klar machen: ,,Seid ihr mir nicht wie die Kuschiten, Söhne Israels, spricht JHWH? Habe ich nicht Israel aus dem Lande Mizraim heraufgeführt und die Philister aus Kaptthor und Aram aus Qir?" Nur wenn man an die neuere, allerdings sehr heimliche Traktätchen-Literatur über den universalistischen Monotheismus der Propheten denkt, wird man diese schauerlich harte Losreißung des Volksgottes von seinem Volke, die in der Tat so etwas wie „Rationalisierung" ist, als Weiterschritt vom Unheimlichen zum Heimlichen ansehen. Das, was den Zeitgenossen als Summum der Gefahr und der Unheimlichkeit sichtbar wurde, verschwindet gegenüber jener Stufe der Unheimlichkeit, die die Propheten meinen. Der Weg vom Mythos zur Religion ist ein Weg vom Heimlichen zum Unheimlichen. Was bedeutet der Kampf der Propheten gegen die ,,menschlichen" Bräuche, welche als Inhalte der vorprophetischen „Religion" geschichtlich tatsächlich waren, was die, wie man sagt, „ironische" Rezeption volkstümlicher Vorstellungen und Hoffnungen anderes als eben die Perhorreszierung des Heimlichen? Und nicht nur gleichzeitig mit diesem Abstich vom Heimlichen, nicht nur neben diesem Abstich, sondern als identisch mit ihm setzt sich die „Rationalisierung" durch. Die Identität dieser beiden Momente beherrscht von Anfang an das Werk Hermann Cohens, auch und gerade die „ohne Rücksicht auf die Religion entworfene" Logik der reinen Erkenntnis: „Abstich vom Gegebenen" heißt es daselbst. Und von dieser eigenen, „systematischen" Einstellung aus bringt Cohen das Eigentümliche der prophe-

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