Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Zur Auseinandersetzung mit der europäischen Wissenschaft [Rezension]
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 617 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3101111-3101201-3101211-3109741--7421-3109811- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Umschau: Religionsphilosophie 617 tischen Entwicklung auf die Formel: Kampf gegen den Mythos, als welcher im ,, Gegebenen", im Menschlichen verharrt, in ihm die Sicherheiten gegen das Unheimliche sucht. Aus der Nachfolge Cohens wird man ErnstCassirers neueste Arbeiten1) zunächst zu verstehen suchen. Auf Grund der einzelwissenschaftlichen Materialsammlungen und Diskussionen kommt Cassirer zu dem Urteil, daß die eigentümlicheForm des mythischen Denkens die Zentrierung der Gegebenheiten um die geistig-leibliche Einheit des Menschen sei. Die Dinge werden eingeteilt, sei es nach den Charakteren, die ihnen der Affekt des Primitiven zuspricht, sei es nach einer Analogie zu den Teilen des menschlichen Körpers u. a. So formt der Mythos zwar die Gegebenheiten, aber ,,er tritt doch mit seinem eigenen Erzeugnis alsbald wieder in die Form der Gegebenheit zurück" (Natorp - Festschrift, S. 51). Der Mythos schafft zwar — wie jede Form des Geistes — ein Reich von „Bedeutungen", auch er idealisiert insofern die Welt der Dinge. Aber ihm fließen ,,das Dingmoment und das Bedeutungsmoment unterschiedslos ineinander". Die Namen der Dinge etwa sind ihm reale dingliche Eigenschaften oder Kräfte. Die mythische Begriffsbildung ist nun gewissermaßen die Grundschicht, die mit ihrer prinzipiellen Überwindung in dem reifer gewordenen Bewußtsein der Menschheit keineswegs verschwindet.^ Fragt man nun aber, welches Motiv die Überwindung des Mythos, die vielmehr dessen ,,Aufhebung*' ist, herbeiführt, so antwortet Cassirer echt idealistisch, daß die Überwindung herbeigeführt werde dadurch, daß der Geist die Welt des Mythos als sein eigenes Gebilde durchschaue, daß der Geist sich selber in der Welt des Mythos erkenne ■— womit darin diese Welt ihren »,Zwangs "-Charakter gegenüber dem Menschen verliere. ,,Der Stufengang der geistigen Ausdrucks formen" führt vom Mythos über die Sprache zu der Kunst, in welcher der Geist zu seiner höchsten Freiheit gelangt. — Auf die biblische Entwicklung ist diese Theorie natürlich nicht anwendbar. Wenn die Gebilde der vorprophetischen »»Religion" als ,, Menschenwerk" durch- *) Die Begriffsform im mythischen Denken. Studien der Bibliothek Warburg I. Leipzig, Teubner 1922. —Zur „Philosophie der Mythologie". In: Festschrift für Paul Natorp. Berlin-Leipzig, Walter de Gruyter 1924. schaut werden, so bedeutet dies zwar ebenfalls die Aufhebung des Zwangscharakter dieser Gebilde. Es tritt nun aber nicht an Stelle des den Menschen zwingenden Menschen Werkes der autonome menschliche Geist, sondern vielmehr ein anderer, ein stärkerer, der „einzige" Zwang. Nicht weil sie den Menschen zwingen, sondern weil sie, als von menschlicher Herkunft, den Menschen nicht zwingen können, werden die Gebilde des Mythos verworfen. Es ist bezeichnend für die Differenz, die von Anfang an zwischen Cohen und der Marburger Schule bestand, daß Cohens Polemik gegen den Mythos, die nicht die „Aufhebung", sondern die Beseitigung des Mythos anstrebt, eben nicht von idealistischen Motiven geleitet ist. Cohen lehrt, das ethische Motiv, das Interesse an dem Wozu, verdränge — nicht: hebe auf — das mythische, das Interesse an dem Woher. Was bedeutet dies? Die Transzendenz des Sollens gegenüber dem Sein fordert von sich aus im konkretenZusammenhange des menschlichen Daseins, wie Cohen genug und übergenug gesagt hat, die Weiterbildung der Ethik zur Religion. Das ethische Transzendenz-Motiv hat bei Cohen von vorne herein latent die Kraft und Tiefe des religiösen. Und da ist es nun wesentlich, daß er zuletzt in seiner Theologie von dem religiösen Transzendenz-Gedanken aus die prophetische Polemik gegen den Bilderdienst aufnimmt, die — um es nochmals zu sagen — eine leidenschaftliche Verwerfung und nicht eine „Aufhebung" ist. Hier wird offenbar, in welchem inneren Zusammenhange Cohens ganzes philosophisches System, welches sich in seiner Theologie in jeder Hinsicht erfüllt, mit dem Judentum steht, und hier ist ein wirkliches, ein systematisches Verständnis der Heraufkunft der Prophetie erzielt. Es ist, wie mir scheint, kein Zufall, daß Cassirer bei dem Veruche, die Beziehungen zwischen mythischer und religiöser Begriffsbildung zu skizzieren, auf die Religion der Veden, auf den Parsismus, auf den Calvinismus und den Jansenismus, aber nicht auf das Judentum Bezug nimmt. Diese Tatsache ist ein Symptom dafür, daß es sich in der Cassirerschen Theorie der Mythologie nicht um eine sinngemäße Erweiterung des Cohenschen Systems, sondern um seinen Abbau handelt, eine Tatsache, die durch die punktuelle Übereinstimmung hinsichtlich des Idealismus kaum verdeckt wird. Leo Strauß