Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Zur Auseinandersetzung mit der europäischen Wissenschaft [Rezension]
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 615 (sequence 3)
- Language
- German
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Umschau: Religionsphilosophie uns entgegentritt, ernst nehmen zu müssen, so wird man die Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft und Religion — Cohen nennt dies Bestimmung des Begriffs der Religion im System der Philosophie" — nicht als , »Vergewaltigung" der Religion ansehen. Nicht der letzte Grund für die Fruchtbarkeit der Cohenschen Theologie ist der Umstand, daßsie die Dogmen der jüdischen Tradition zwar „rationalisiert", aber sie doch bei dieser Weiterbildung auf ihrer Ebene beläßt. In der Einleitung zu dem erwähnten,, Quellenhandbuch " behandelt Wobbermin „Begriff, Aufgabe und Methode der Religionsphilosophie". Er polemisiert daselbst gegen eine Betrachtung der Religion, ,von dem ohne Rücksicht auf sie entworfenen philosophischen Systemzusammenhang aus". Ob und wo es etwas Derartiges überhaupt gibt, dies interessiert uns hier nicht. Wenn der protestantische Theologe sich an der betreffenden Stelle aber gegen Cohen wendet, so vergißt er, daß, wie freilich weniger die Reflexion über den Titel, als das Studium des ganzen Werkes: ,,Der Begriff der Religion im System der Philosophie" lehren würde, der ganze philosophische System-Zusammenhang bei Cohen getragen ist von religiösen Voraussetzungen: das System, die Wissenschaft wird entscheidend vorbereitet durch die Religion. Die wissenschaftliche Kritik an der Religion ist letzten Endes imman ente Kritik.1) Sie liegt bereits dort vor, wo von Wissenschaft im Schulsinne nicht gesprochen werden kann. Die Theologen setzen nur fort, was die Propheten begonnen haben. Es kann kein Zweifel sein, daß Cohen —im großen und ganzen; im einzelnen behaupteter bisweilen zu viel— mit solchen Thesen sein eigenes System richtig ausgelegt und richtig beurteilt hat. Müssen wir uns so ausdrücklich gegen den Vorwurf wehren, der Ausgang von der Kritik — und das philosophische System ist, von uns aus gesehen, nichts anderes als der Zusammenhang, in dem die Kritik wurzelt — bedeute ,,Vergewaltigung" der Religion, so müssen wir andererseits das positive Moment der Wobberminschen Religions-Philosphie: <üfc transzendentale Konstitution der Religion aus dem ,,religiösen Erlebnis" heraus, auf sich beruhen lassen. Dieses Moment ist ja, wie gerade Wobbermin oft betont hat, von *) Damit ist nicht gesagt, daß die Kritik in ihrer {ganzen Ausdehnung im Judentum geschichtlich vorliegt, daß sie in diesem Sinne permanent jüdich sind. spezifisch protestantischen Voraussetzungen bedingt. Wir müssen hier als Juden unsere Inkompetenz erklären. Was R. Winkler betrifft, der von Seite 16 bis Seite 27 des nämlichen Werkes ein Namen- und Schlagwort-Verzeichnis gibt, das den einzigen Fehler hat, nicht alphabetisch geordnet zu sein, und das er „Überblick über die religionsphilosophische Arbeit seit Kant bis zur Gegenwart" betitelt, in dem, nach seinem eigenen Urteil, „die grundlegendsten Linien in dem Sinnzusammenhang der Religionsphilosophie des 19. Jahrhunderts herausgearbeitet" sind, so begnügen wir uns damit, sein entschiedenes Urteil*über Kierkegaard anzuführen. „Infolge seiner unmethodischen, stark journalistischen Arbeitsweise und seiner krankhaften Neigung zu Übertreibungen und Paradoxien hat aber Kierkegaard einen entscheidenden Einfluß auf die religionsphilosophische Bewegung nicht auszuüben vermocht." (p. 23). Lesenswert ist ferner der Hinweis auf eine geschichtlich vorliegende „Ermäßigung" des Hegelischen Panlogismus (p. 24), welcher Hinweis überraschende Möglichkeiten theologischer Finanzgebarung erschließt. — Es ist bereits früher einmal darauf hingewiesen worden, welche Bedeutung in dem erwähnten theologie-geschichtlichen Zusammenhange den Untersuchungen Rudolf Ottos1) über „Das Heilige" zukommt. Otto operiert mit Kategorien, die für den Umbau der traditionellen Theologie auf eine durch die Kritik an der Tradition geschaffene Situation hin verwendbar sind. Der Forscher ist primär um * die Momente des religiösen G egenstandes bemüht. Man kann seine Analysen geradezu als attributen-theoretisch bezeichnen. In diesem Zusammenhange gewinnt der Verzicht auf Darlegung der Art und Weise, wie" sich die Religion und ihr Gegenstand im Zusammenhange des menschlichen Daseins„konstituiert", seinen guten Sinn: sofern es eben einen Sinn hat, vom An-Sich-Sein Gottes zu sprechen und sofern es ein Wissen von diesem An-Sich-Seienden gibt—insofern ist Theologie als selbständige Wissenschaft gefordert. Von dieser Grundlage aus ist es möglich, diejenigen Momente wieder zur Anerkennung zu bringen, die in dem Ineinander von aufklärerischer Kritik und romantischer Umdeutung l) Rudolf Otto, Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und seinVerhältnis zum Rationalen. 7. Aufl. Breslau 1922. Rudolf Otto, Aufsätze, das Numinose betreffend. Stuttgart/Gotha 1923.