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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 614

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
Zur Auseinandersetzung mit der europäischen Wissenschaft [Rezension]
Date
1924-01-01
Page
614 (sequence 2)
Language
German
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6i4 Umschau: Religionsphilosophie mitRücksicht auf diese Kritik umbauen konnte, dem Angriff Europas erlag. Hier liegt der entscheidende Grund für die sogenannte Assimilation, die also auch nach dieser Seite hin jüdisch legitim ist. Man begeht eine Verläumdung, wenn man irgend welche blödsinnigen Lockungen*' Europas, ,, heidnische" Motive als den wesentlichen Grund für den Abfall von der Tradition ausgibt. Man sollte auf orthodoxer Seite endlich damit aufhören, die Polemik, die im Falle Alexandrias und Roms sinnvoll war, noch heute zu führen. Was im neunzehnten Jahrhundert vorliegt, ist alles andere eher als „Apikorsuth", „Epikuräertum" im wörtlichen Verstände. Das Ergebnis der in Rede stehenden Kritik ist jedenfalls die Restriktion des Geltungs- Anspruchs der Tradition. Auch von orthodoxer Seite wird heute nicht mehr von der Bibel aus gegen Sätze der Naturwissenschaft argumentiert. Wir rechnen damit, daß man sich in jenem Lager auch mit der Bibel- Kritik ähnlich, d. h. ebenfalls mittels jesuitisch-pragmatistischer, bzw. transzendentalidealistischer Ausdeutung abfindet. Aber eine Tradition, die bestimmte Ansprüche, die aus ihr vermutlich nicht ohne innere Notwendigkeit erwachsen sind, auf Grund einer an ihr geübten Kritik preisgegeben hat, ja die sich so umgebaut hat, daß sie jene Ansprüche gar nicht mehr stellen kann — eine solche Tradition wird, wenn sie ehrlich ist, zugeben müssen, daß sie eben nicht mehr die ungebrochene alte Tradition ist. Wenn der Verzicht auf wissenschaftlichen Geltungs-Anspruch eine solche Selbstverständlichkeit ist, wie man heute gerne auch von der Kanzel herab behauptet — wie ist es dann zu verstehen, daß so bedeutende Köpfe, wie sie alle positiven Religionen unter ihren orthodoxen Theologen aufzählen, mit beinahe beispielloser Zähigkeit ihre Tradition gegen die Wissenschaft verteidigt haben? Offenbar ging der Stoß der Wissenschaft nicht ins Leere. Daß Moscheh die Thorah geschrieben habe, das war nicht lediglich im traditionellen Zusammenhange, „innerlich" wahr, sondern es war wahr schlechthin; und wer anders dachte, war ein radikaler Leugner. Es gab eine Zeit — und diese Zeit liegt nicht so sehr weit zurück —, in welcher Tradition und Wissenschaft nicht auf parallelen Ebenen, ohne sich je zu tangieren, friedlich nebeneinander lebten, sondern beide Mächte miteinander auf Leben und Tod um die Hegemonie auf der einen Ebene der ,,Wahrheit" kämpften. Nicht die eigene Gegenwehr rettete die Religion, sondern die Selbst-Kritik der Kritik. Kant „mußte das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen." Im Zusammenhang mit dieser Selbstkritik wurde die Religion gerettet um den Preis ihrer idealistischen, ihrer romantischen Umdeutung. Je mehr sich nun aber die Wissenschaft von der Religion, die es nun nicht mehr nötig hatte, die Religion zu kritisieren , der konkreten Tatsächlichkeit der Religion zuwandte, um so klarer wurde, daß der durch die Romantik wenn nicht preisgegebene, so doch gefährdete Transzendenz-Anspruch der Religion, der zugleich die letzte Wurzel des spezifischen Wahrheits-Anspruchs der Religion sein dürfte, das Lebens-Prinzip der Religion ist —daß demgemäß eine idealistisch umgedeutete Religion vielleicht die amüsanteste Sache von der Welt, aber jedenfalls nicht mehr Religion sein kann. Im Zusammenhang des Geistes, der unbestrittenen Argumentations-Basis der nach-kantischen Religions-Wissenschaft, lag das Phänomen des Wissens von der Transzendenz vor. Mittels der Kategorie des „religiösen Apriori" wissenschaftlich erfaßt, stellte sich die Religion nicht mehr, wie in den Auseinandersetzungen des Aufklärungs-Zeitalters, dem Bereich der Wissenschaft, der einsichtigen und kontrollierbaren Erkenntnis, als brutal tatsächliche Offenbarung gegenüber. In einer von Grund auf anderen geistigenfSituation war das Problem der Theologie, als ein wissenschaftlich behandelbares, neu zu stellen. Wer die wichtigsten Etappen dieses Weges kennen lernen will, sei für die erste Kenntnisnahme, wenn auch nur für diese, auf das von Wobbermin herausgegebene ,,Quellenhandbuch" „Religionsphilosophie"1) hingewiesen. Man vermißt allerdings unter den Quellen aus der neuesten Zeit gerade diejenigen, die eine neue Theologie vorbereiten, vor allem Hermann Cohen selber. Die Religions-Wissenschaft hat die Möglichkeit, sich völlig von der aufklärerischen Einstellung der Religions-K r i t i k freizumachen und nur noch um das reine Verstehen der geschichtlich tatsächlichen Religion bekümmert zu sein. Diese Möglichkeitwird zu einer Selbstverständlichkeit, wenn die dogmatischen Elemente der Religion als sekundär gegenüber dem ,,religiösen Erlebnis", womöglich nur als dessen ,,Ausdruck" aufgefaßt werden. Glaubt man aber, das Dogmatische als solches, so wie es selber x) Pan-Verlag Rolf Heise, Berlin 1924-

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