Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Das Prophetentum der mosaischen Religion im Urteil der Neuzeit
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 612 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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6l2 Umschau: Bibelwissenschaf l danken an Gott versenkt waren, in einem Zustand des Entrücktseins oder Verrücktseins oder der Bewußtlosigkeit erlebt. Denn auch von diesem Moment ihres Daseins hatten sie ein ganz deutliches Bewußtsein, und auch in ihm fühlten sie sich als moralisch verantwortliche Persönlichkeiten. Jesaja etwa wußte von diesem Vorgang seiner Berufung nicht nur, daß sie im Todesjahre des Königs Usia geschehen war, sondern auch, daß er unter dem Eindruck einer ganz außerordentlichen, übernatürlichen Erfahrung sich trotzdem seiner Sündhaftigkeit bewußt war und vor dem dreimal heiligen Weltenrichter zu vergehen fürchtete. Ebenso besaß Jeremia eine Erinnerung daran, daß er in jenem Moment, wo Gott nach 20,7 „ihn überredet hatte und ihm zu stark geworden war", den Einwand erhoben hatte, daß er für die Verwaltung des Prophetenamtes noch zu jung sei (1, 6). Aber auch vom übrigen Verlauf der prophetischen Tätigkeit der Prophetenführer sowie ihrer Jünger wird in den Quellen nichts berichtet, was auf deren Entrücktsein oder Bewußtlosigkeit hinwiese. Denn sogar bei dem Prophetenjünger, in bezug auf den in 2. Kön. 9,11 der Ausdruck meschuggä" „von Sinnen gekommen" gebraucht wird, ist diese Bezeichnung in jener Situation begreiflich, ohne daß damit ein krankhafter Zustand gemeint sein müßte oder könnte. Denn jener Jüngling hatte einen ganz außergewöhnlichen Auftrag, nämlich den Feldhauptmann Jehu zum Gegenkönig zu salben, selbstverständlich in fliegender Hast ausgeführt, indem er durch den Kreis der andern Kriegsobersten hindurch auf Jehu losstürzte. Als er nun wieder davon eilte, war die Frage der Kriegsobersten „Was will dieser Unsinnige?" keine fernliegende und schloß auch nicht die Meinung in sich, daß die Prophetenjünger überhaupt rasende oder wahnsinnige Leute seien. Ferner sagte Hosea (9,7) von sich selbst, daß er von Sinnen kam, meinte aber damit nur, daß er entsetzt sei über die schreckliche Verderbnis der Mehrzahl seiner Zeitgenossenschaft, wie derselbe Ausdruck auch vom Volke selbst aussagt (5. Mos. 28,34), daß es u1^er die Tiefe seines Straf Unglücks entsetzt sei. Endlich kam es vor, daß die feindlichgesinnte und deshalb leicht spottsüchtige Volksmenge den Propheten Jeremia als „von Sinnen gekommen" bezeichnete (29, 26), weil er ihr mit seinen gottbefohlenen Mahnungen lästig wurde. Während also durch diese drei Stellen kein objektiver Beweis gegen die Bewußtheit und die volle seelische Gesundheit der prophetischen Vertreter der mosaischen Religion geliefert werden kann, wird im Gegenteil die geistige Klarheit und ruhige Lebensführung dieser Männer durch ungezählte Tatsachen bezeugt. Oder haben sie ihre Verstandesschärfe nicht schon durch die Aufdeckung so vieler moralischen und sozialen Verirrungen ihrer Zeit genügend erwiesen? Liegt für die anerkannteKlarheit ihres Urteilsvermögens nicht auch darin ein Zeugnis, daß sogar die Könige in inneren und äußeren Angelegenheiten des Volkes ihren Rat begehrten (2. Sam. 7, 2 ff.; Jes. 37, 2; Jer. 38, 14)? Haben sie nicht auch als ruhige Bürger und Familienväter ihr Leben geführt (Jes. 7,3; 8,3 usw.)?Vergeblich also meint man durch die Verdächtigung, daß diese Männer im Zustand der Ekstase gewirkt hätten, ihre geistesgeschichtliche Autorität untergraben zu können. 2. Ein fast noch gefährlicherer Schlag würde gegen die religionsgeschichtliche Stellung dieser Männer ausgeführt werden, wenn sich die Behauptung begründen ließe, daß sie den Inhalt ihrer besonderen Verkündigungen aus Halluzinationen geschöpft hätten. Auf diese Ansicht zielen aber nicht bloß indirekt die meisten neueren Darstellungen des biblischen Prophetentums hin, sondern sie ist neuestens auch wieder direkt geäußert worden. Denn „lebhafte Halluzinationen" werden den Vertretern jenes Prophetentums ganz offen von Hölscher in der angeführten Geschichte der israelitischen und jüdischen Religion (1922), § 34,17 und 40,7 zugeschrieben. Nun ist aber durch die philosophische Forschung unserer Gegenwart der Begriff der Halluzination aufs genaueste festgestellt worden, wie z. B. Professor J. Geyser in seinem Lehrbuch der allgemeinen Psychologie (2. Aufl. 1912, S. 452 ff.) auf die eingehendste Art gezeigt hat, daß bei Halluzinationen der Gedanke an eine Sache ihrer Wahrnehmung vorausgeht. Deshalb sind ja z. B. bei Jeanne d'Arc die ihr gewordenen Erscheinungen erklärlich. Denn nicht ohne Absicht hatten die Engländer den Mont St. Michel belagert, sondern sie wollten damit den Schutzheiligen der damaligen französischen Königsfamilie (den Engel Michael) treffen. Sie waren aber im Juli 1425 zurückgeschlagen worden, und da dieser Sieg der erste Glücksfall Frankreichs seit langer Zeit war, so hallte die Kunde davon in ganz Frankreich wieder und wurde auch in dem Geburtsorte der Jeanne d'Arc erzählt. Daher war es der heilige