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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 611

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
Das Prophetentum der mosaischen Religion im Urteil der Neuzeit
Date
1924-01-01
Page
611 (sequence 3)
Language
German
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Umschau: Bibelwissenschaft 611 Denn erstens: w i e ist diese Charakteristik des älteren israelitischen Propheten tums zustande gekommen? Nun, da hat zunächst die Vermutung über das Fasten und die Rauschtränke helfen müssen, um die Tinten zu einem farbensatten Bilde zu liefern. Da sind ferner flottweg Charakterzüge der kanaanitischen Baalspropheten entlehnt worden, wie das, was vom Tanzen als Aufregungsmittel und von den Selbstverwundungen unter Anführung von i. Kön. 18, 26—28, gesagt ist Also das Hinken um den Baalsaltar, das von Elia verspottet wurde, ist trotzdem gewissenlos auf die israelitischen Propheten des Ewigen übertragen worden. Ebenso hat Greßmann es mit den Selbstverwundungen der Baalspropheten (1. Kön. 18, 28) gemacht. Denn bei den israelitischen Propheten können solche Selbstverwundungen zum Zwecke der Erregung nicht konstatiert werden, weil das in 1. Kön. 20,35 fferwähnte Schlagen eine beabsichtigte symbolische Handlung war, weil ferner Hos. 7, 14 sich nicht auf die Propheten bezieht und in Sach. 13, 6 nicht wahre Propheten des Ewigen gemeint sind. Die Hauptsache aber ist zweitens, daß diejenigen Züge jenes Greßmannschen Bildes, welche wirklich aus den israelitischen Quellen (1. Sam. 10,5 f. und 19,24) entnommen sind, nicht von dem Prophetentum zu Samuels Zeit überhaupt, sondern nur von Propheten scharen gelten. Oder ist jemals in den Geschichtsquellen davon die Rede, daß auch Samuel selbst sich an dem aufgeregten (ekstatischen) Verhalten beteiligt habe, das an Mitgliedern der Prophetenvereine seiner Zeit beobachtet wurde? Nein, durchaus nicht, wie auch der Orientalist Friedrich Schwally in seinem Werke „Semitische Kriegsaltertümer" I, S. 19 ausdrücklich anerkennt: „Jedenfalls sind von Samuel keine ekstatischen Zustände berichtet." Es ist ja auch psychologisch ganz erklärlich, daß der religiöse Enthusiasmus in einfacheren Menschen, die weniger reflektieren und sich unmittelbarer den Gedankenbewegungen hingeben, stärkere Resonanzen im Gefühlsleben wach rief. Das kann ja noch in neuerer Zeit z. B. bei Versammlungen religiöser Sekten beobachtet werden. Mit Unrecht also lassen viele neueren Darsteller die Erscheinungen, die bei den Propheten scharen hervortreten, einfach auch von deren Führern gelten, und außerdem tragen sie jene Handlungen der Aufgeregtheit (das Sichentblößen von 1. Sam. 19, 24) j die nur m Samuels Zeit zutage traten, wo mit dem religiösen Enthusiasmus sich der nationale gegenüber dem Philisterdruck verband, auch auf andere Zeiten hinüber. Willkürlich demnach bezeichnen diese modernen Darsteller das in 1. Sam. 10,5 f. und 19,24 beobachtete Wesen von Prophetenscharen als „d i e" älteste Gestalt des israelitischen Prophetenturns überhaupt. Nein, die Prophetenscharen waren nicht „das Rohmaterial, aus dem sich durch Abschleifung mancher Ecken ihres alten Wesens", wie Wellhausen selber in der „Kultur der Gegenwart" 1,4, S. 20 sich ausgedrückt hat, das spätere Prophetentum herausgebildet habe. Die Entwicklung ging nicht von unten nach oben. Vielmehr haben sich um die von Gott berufenen hervorragenden Prophetengestalten (Samuel, Elia usw.) Scharen von Prophetenj ü n g e r n gesammelt. Wie dies in den Geschichtsbüchern bezeugt ist, so war es auch ganz natürlich. Denn um Meister haben sich überall und immer nacheifernde Jünger geschart. Folglich hat auch die dritte Aufstellung, die neuerdings in bezug auf das Prophetentum der legitimen Religion Israels gemacht worden ist, sich als ein hinfälliger Bau auf falschem Grunde erwiesen. IV. Dürfen Ekstase und Halluzination den Prophetenführern der mosaischen Religion zugeschrieben werden? 1. Wenn auch speziell in bezug auf Samuel schon im dritten Abschnitt nebenbei gezeigt werden konnte, daß ihm die Quellen kein ekstatisches Verhalten zuschreiben, so muß doch nun noch überhaupt betreffs der Prophetenführer der wahren Religion Israels untersucht werden, ob sie in ekstatischem Zustand zu Propheten geworden sind und geweissagt haben. Denn dies ist ein Hauptmoment an den Äußerungen, die gegenwärtig in bezug auf diese Propheten (die „Tatpropheten", die man seit Herder bis zu Elisa gehen läßt, und die „Schriftpropheten": Arnos usw.) im Schwange sind. |An dieser Meinung über die Ekstase dieser Männer hat sich ja auch Elias Auerbach in seinem Buche „Die Prophetie" (1920) beteiligt, und sie wird auch wieder von Hölscher, Geschichte der israelitischen und jüdischen Religion (1922), § 34, 18 f. vertreten. Also wie steht es damit in der geschichtlichen Wirklichkeit? Nach den Quellenberichten haben die in Rede stehenden Propheten nicht einmal den Moment ihrer Berufung, in welchem sie doch natürlicherweise am tiefsten in die Ge- 39*

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