Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Das Prophetentum der mosaischen Religion im Urteil der Neuzeit
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 613 (sequence 5)
- Language
- German
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Umschau: Religionsphilosophie 613 Michael, welcher ihr dann erschien (Pelman, Psychische Grenzzustände 1910, S. 236). Aber die prophetischen Wahrnehmungen eines Arnos, Jesaja, Jeremia und seiner Reihe (7, 25) als Halluzinationen hinstellen wollen, das schlägt allen Quellenberichten ins Gesicht. Denn erstens haben sie gegen ihre Rivalen die Anklage erhoben, daß diese durch „Täuscherei ihres Herzens" (= Denkwerkstätte) ihr Volk verführt haben (Jer. 14,14). Zweitens haben die prophetischen Vertreter der mosaischen Religion aufs bestimmteste behauptet, durch die ihnen zuteil gewordenen Enthüllungen nicht nur neue Dinge, sondern auch solche gezeigt bekommen zu haben, die nicht von ihnen ausgesonnen werden konnten. Oder wurden sie durch die Szenen, die sich vor ihnen ausbreiteten, nicht erschreckt und in Verwunderung versetzt? Man lese doch wieder einmal: „Wehe mir, denn ich bin vernichtet, denn ich habe — als Sünder — den König, den Herrn Zebaoth mit meinen Augen gesehen!" (Jes. 6, 5). Man beobachte in Jer. 24, 1 ff. die Offenbarung über die Schicksale der verschiedenen Gruppen von Exulanten! Man erwäge auch noch z. B. Hes. 11, 1 ff.J Darnach sah dieser Prophet den Pelatja in Jerusalem sterben, und wenn dies dem Propheten nicht erst durch jenen Akt seiner damaligen Wahrnehmung bekannt geworden wäre, so würden seine Worte „Ich erzählte der Exulantenschaft alle Dinge, die mich der Ewige hatte sehen lassen" (11, 25), eine Unwahrheit enthalten. Nein, die besonderen Erlebnisse der Propheten der legitimen Religion Israels, dieser klaren Geister, die selbst jede Illusion mit einem Weheruf bedrohten (Jes. 5,21), die Tücke der menschlichen Denkwerkstätte kannten (Jer. 17,9) und andere Personen wegen ihrer Phantasien als „Lehrer des Trugs" (Jes. 9, 14) bezeichneten, die können unmöglich als Halluzinationen, als Erzeugnisse ihres eigenen Innern hingestellt werden. Sie lehnten es ja auch überhaupt ab, mit den „Propheten aus ihrem Herzen" (Hes. 13,2 usw.) zu demselben Kreise zu gehören. Die religionsgeschichtliche Autorität der prophetischen Vertreter der mosaischen Religion kann nach allen meinen eingehenden Forschungen, wie sie hauptsächlich in »Theologie des A. T., kritisch und vergleichend dargestellt" (1923, 51—81) vorgelegt sind, auf keine Weise erschüttert werden. Eduard König RELIGIONSPHILOSOPHIE Zur Auseinandersetzung mit der europäischen Wissenschaft Es sollen jetzt und auch weiterhin in dieser Zeitschrift religions-wissenschaftliche Werke, die zum größten Teil von keinem spezifisch jüdischen Interesse belebt sind, angezeigt werden. Welches Recht haben wir dazu? Welches Recht haben wir dazu, unseren so brüchigen jüdischen Zusammenhang noch mehr zu gefährden, indem wir mit dem Hinweis auf Arbeiten, die völlig im europäischen Zusammenhange stehen — mag auch der eine oder der andere Verfasser zufällig Jude sein — eine jüdische Öffentlichkeit behelligen? Denn daß der Umstand, daß der jüdische Rezensent ein privates Verhältnis zu einem europäischen Stoffe hat, noch kein Verhältnis des jüdischen Zusammenhanges zu eben diesem Stoffe begründet — dies versteht sich von selbst. Und weiter: Daraus, daß irgend eine europäische Tatsache von europäischer Bedeutsamkeit ist, folgt noch nicht, daß sie uns als Juden irgend etwas angeht — man müßte denn die Ansicht teilen, die ein gewisser Liberalismus vom „jüdischen Universalismus" hat. Was geht uns als Juden Europa an! Was uns Europa angeht? Nicht wenig, wie uns scheint. Aber was aus Europa uns angeht, welche konkreten europäischen Tatsachen uns angehen, das kann nur auf Grund konkreter Untersuchung festgestellt werden. Unser Schwerpunkt liegt im jüdischen Zusammenhange; und wenn wir als Juden mit irgend etwas Außer-Jüdischen uns zu beschäftigen uns unterfangen, so muß der Ort im jüdischen Zusammenhange, auf den dieses Außer-Jüdische abzielt, mit einiger begrifflicher Bestimmtheit gezeigt werden. Es kann und darf sich dabei nur um konkrete begriffliche Bestimmungen handeln — nicht um irgendwelche Faseleien von jüdischer Rhythmik und ähnlichem, mit welchen Faseleien man nämlich buchstäblich alles und jedes als legitimen jüdischen Besitz requirieren kann. Es gibt eine europäische Bemühung, die als solche unmittelbaren Bezug auf den jüdischen Zusammenhang hat: Dies ist der gesamte Komplex der modernen Wissenschaft von der Religion. Denn indem Europa sich, d. h. sein Christentum kritisierte, kritisierte es eo ipso das Judentum. Daß diese Kritik den jüdischen Zusammenhang traf, dafür ist geschichtlicher Beleg die Tatsache, daß die jüdische Tradition, soweitsie sich nicht