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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 610

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
Das Prophetentum der mosaischen Religion im Urteil der Neuzeit
Date
1924-01-01
Page
610 (sequence 2)
Language
German
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6io Umschau: Bibelwissenschaft nähme, daß von den tapfersten Bekennern des ewigen Gottes, die als solche die eifrigsten Bekämpfer des Baalskultus waren, gerade die hervorragendste Lebensäußerung der kanaanitischen Religion herübergenommen worden sei. Sodann ist es ungeschichtlich, was Kuenens Anhänger zu Hilfe nehmen, daß die wachsende Schar der Nebi'im des Ewigen in Samuel dann nur ihren Anführer bekommen habe. Denn in r. Sam. 3,1 ist berichtet: „Das Wort des Herrn war selten in jenen Tagen, Vision war nicht häufig". Außerdem liegt gar kein Grund vor, nach einer neuen Aufklärung über die örtliche Herkunft des israelitischen Prophetentums zu forschen. Denn die in den eigenen Geschichtsbüchern Israels vorliegende Darstellung vom lebhafteren Erwachen der prophetischen Begeisterung zu Samuels Zeit ist eine ganz natürliche. Nämlich die in Moses Tagen angefachte Glut der Hingabe an den großen Rettergott war auch nachher trotz vielfachen Abfalls keineswegs ganz erloschen. Vielmehr haben nicht nur zahlreiche Personen mit Josua (24,15) gesagt: „Ich aber und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen," sondern auch Organe der Prophetie, wie Deborah (Rieht. 4,4), und Baalsbestreiter, wie Gideon (8,23), auch Nasiräer, wie Simson (13,1 ff.; Am. 2,11), haben das heilige Feuer der Gottesbegeisterung weiter zu schüren sich bemüht. Endlich sank Israels nationales und religiöses Leben freilich auf einen Tiefpunkt herab, indem sogar die Lade des Herrn in den Händen der Feinde gelassen wurde und die hohepriesterliche Familie in Elis Söhnen ganz entartete. Bei diesem Tiefpunkt der völkischen und religiösen Geschichte Israels erstand aber Samuel als gottberufener Reformator der von den Vätern ererbten Religion und begann, der zweifachen Not ein Ende zu machen. Die von , ihm entrollte Doppelfahne der religiösen Begeisterung und des Patriotismus (1. Sam. 7, 3 ff.) haben aber dann Scharen israelitischer Jünglinge und Männer in tapfere Hände genommen. Nicht vor, aber nach Samuels grundlegendem Siege, der im Ebenezer (7,12) ein Denkmal für die nachfolgenden Generationen bekommen hat, beobachten wir die ersten Spüren der Prophetenvereine (10, 5 ff.). Also auch diese neuere Aufstellung sinkt, wenn ihr kritische Quellenforschung zu Leibe geht, ganz zu Boden. Und warum denn soll auch nicht, wie andere Religionen, so auch die väterliche Religion Israels ihr eigenständiges Prophetentum besessen haben? Warum soll nur sie alles „entlehnt" haben?* Auch deshalb also ist schon Abraham von den Quellen ganz mit Recht als ein Nabi', ein Sprecher der Gottheit, bezeichnet wordenr wie er in 1. Mos. 20,7 einfach genannt und wie es in 18,17—J9 aul wahrhaft rührende Weise in Worten des Herrn ausgeführt wird: „Wie kann ich Abraham verbergen, was ich tue? Und doch wird Abraham bestimmt zu einem großen und starken Volke werden, und es sollen alle Völker der Erde in ihm gesegnet werden." III. Die angebliche Entwicklung des israelitischen Prophetentums von unten nach oben. An den Aufstellungen, daß das Prophetentum der wahren Religion Israels erst spät aufgetreten und von auswärts entlehnt sein soll, haben die Wellhausenianer sich noch nicht genügen lassen. Sie haben weiter auch dies hinzugefügt, daß dieses Prophetentum sich von einer primitiven Gestalt aus emporentwickelt habe. Neuerdings sagen ja viele Darsteller der israelitischen Kulturgeschichte, das Prophetentum habe zu Samuels Zeit noch auf einer ganz niedrigen Stufe gestanden, wie man es z. B. bei Greßmann in dem von ihm, Gunkel und anderen herausgegebenen Auswahls - Alten Testament (1911 ff.) bei 1. Sam. 10,5 lesen kann. Dort heißt es, der israelitische Prophet zu Samuels Zeit besitze „seine beste Parallele in den Derwischen des modernen Orients", und dort entwirft man folgende Charakteristik von den Propheten zu Samuels Zeit: „Um die Aufregung künstlich hervorzurufen, hatte man allerlei Mittel, vor allem Musik (1. Sam. 10,5; 2. Kön.3,15) und Tanz (1. Kön. 18,26) daneben vermutlich Fasten und Rauschtränke. In dem dadurch hervorgerufenen Trance - Zustand begeht man außergewöhnliche Handlungen: Da bringt man sich selbst Verwundungen bei (1. Kön. 18, 28), da rast man vom Karmel bis Jesreel (V. 46), da entblößt man sich in schamloser Weise (1. Sam. 19, 24)." Diese Schilderung habe ich in ihrem vollen Wortlaute wiedergegeben, da man sie als Ganzes vor Augen haben muß. Denn obgleich die neuere Geschichtsmacherei in bezug auf Israels Vergangenheit gar manche überraschende Gemälde zu entwerfen gewußt hat, so ist doch die angeführte Schilderung ein solches Kabinettstück der Freihandzeichnung, daß sie in ihrer Gesamtheit betrachtet werden muß.

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