Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 609

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
Das Prophetentum der mosaischen Religion im Urteil der Neuzeit
Date
1924-01-01
Page
609 (sequence 1)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101211-3109740--7411-3109803
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

UMSCHAU BIBELWISSENSCHAFT Das Prophetentum der mosaischen Religion im Urteil der Neuzeit In dem tiefgehenden Kampfe, der neuerdings auf dem Gebiete der israelitischen Religionsentwicklung ausgefochten wird, steht die Frage nach der geistesgeschichtlichen Stellung der Propheten naturgemäß im Vordergrunde. Denn zwar dies ist unbestritten, daß die Propheten in erster Linie die Herolde dieser Religion und ihre Vertreter gewesen sind. Was aber wird in der Gegenwart betreffs dieser Männer weithin behauptet? Die wichtigsten modernen Aufstellungen darüber sind die folgenden: I. Das Prophetentum Israels soll erst aus Samuels Zeit stammen. Diese Behauptung der Wellhausenschen Schule besitzt anscheinend im hebräischen Schrifttum selbst einen Stützpunkt. Denn in i. Sam. 9,9 ist folgende Notiz zu lesen: „Vormals hat man in Israel so gesagt, wenn man ging, um Gott zu befragen: Kommt, laßt uns zum Seher gehen! Denn den nabi' von heute nannte man vormals den Seher." Durch diese erläuternde Zwischenbemerkung sollte erklärt werden, weshalb Samuel vorher (V. 6—8) ein „Mann Gottes" genannt ist, aber dann in der Anrede Sauls an die wasserholenden Mägde und in der Fortsetzung mit dem Ausdruck ro'e „Seher" bezeichnet wird. Darnach wollte der Geschichtsschreiber die Nachricht bringen, daß in gewissen Fällen für den Ausdruck nabi'„Sprecher" vielmehr rö'e „Seher" gebraucht wurde. Es waren aber nach dem Zusammenhange des Textes d i e Fälle, wo die leicht aufs Äußerliche achtende Volksmenge den Ausdruck bestimmte und wo der nabi' als Ratgeber, wie von Saul wegen der verloren gegangenen Eselinnen, aufgesucht wurde. Dieses Urteil wird auch noch durch folgende Umstände begünstigt. Der hebräische Ausdruck für „heute" (ha-jöm) erregt an dieser Stelle einen sprachlichen Anstoß, weil das mit dem Artikel versehene la-nabi' vorausgeht, und dieser Ausdruck „heute" begegnet auch nicht in den anderen Stellen, welche über einen Wechsel der Benennung berichten, wie in „Bela, das istZoar" (i.Mos. I4,2 usw.). Außerdem wird das ha-jom »»heute" nicht von der ältesten griechischen Ubersetzung (der Septuaginta) ausgedrückt, sondern durch „das Volk" ersetzt, wonach Heft 10. zu vermuten ist, daß der Übersetzer statt hajom das ähnlich klingende ha-fam, „das Volk" gelesen hat. Folglich ist in i. Sam. 9,9 nicht ausgesagt, daß die Bezeichnung nabi' erst nach Samuels Zeit in den hebräischen Sprachgebrauch aufgenommen worden sei, wie z. B. wieder Kittel, Die Religion des Volkes Israel (1921), S. 37 meint. Gegen diese jetzt landläufige Behauptung fallen auch noch folgende beiden Umstände ins Gewicht. Erstens hat der Ausdruck rd'e „Seher" in der Bezeichnung Moses oder Deborahs keine Spur hinterlassen. Zweitens ist dagegen der Ausdruck nabi' sehr oft vor Samuels Zeit verwendet (1. Mos. 20,7 in bezug auf Abraham, vgl. Ps. 105,15; 2. Mos. 7,1; I5>2o; 5. Mos. 18,15. 18 usw.; Hos. 12,14 Ri. 4, 4), und es ist keine Kleinigkeit, wenn man behaupten will, daß der erst nach Samuels Zeit aufgekommene Titel nabi* dann erst hinterher in bezug auf so viele Personen in die Vergangenheit zurückgetragen worden sei. Das richtige Schlußurteil über das Alter des Prophetentums in Israel ist folgendes: „Prophet" und „Seher" waren zwei zu gleicher Zeit in Israel gebräuchliche Ausdrücke, wie auch z. B. der bekannte Assyriolog M. Jastrow im Journal of Biblical Literature (1909), p. 113 f. die Gleichzeitigkeit beider Bezeichnungen vertritt. Der eine Titel bezeichnete die betreffende Person als das Organ der sich enthüllenden Gottheit, und der andere Titel hob hervor, daß die betreffende Person die Fähigkeit besaß, über die Geheimnisse des Menschenschicksals Kunde zu geben. II, War das Prophetentum in Israel eine ausländische Importware? Über die ö r 11 i c h e Herkunft des israelitischen Prophetentums wird jetzt weithin folgende Behauptung kolportiert: Gegen Ende der Richterzeit seien die ekstatischen Erscheinungen des kanaanitischen Nabiismus zu den Dienern des Ewigen „übergesprungen". So hat Kuenen in seinem zweiten Hauptwerk „De profeten en de profetie onder Israöl" II, 327 es aufgestellt, und darin sind ihm viele bis auf Hölscher, Geschichte der israelitischen und jüdischen Religion (1922), § 34 gefolgt. Aber diese Ansicht wird durch folgende Momente widerlegt: Vor allem ist es schon psychologisch eine höchst unwahrscheinliche An- 39

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.