Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Französische Juden
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 606 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6o6 Bemerkungen: Französische Juden Spannung des Gotteskämpfers gebrochen. Und so läßt ihn der Dichter selbst Antwort geben auf die Frage, warum ihn Gott verlassen habe. Aber in manchen schwachen Stunden, da seine Füße müde werden vom ewigen Wege, fühlt der Jude in sich eine heimliche Liebe für Jesus.... Und wie zu Beginn, so wendet sich der Dichter wiederum zu seinem Volke, aber diesmal mit einem neuen Bewußtsein und einer neuen Sicherheit. Er hat ihr Wachen und Wandern verstanden und ihren ewigen Marsch bergan gesehen. AlbertCohen steht am Anfang seines Weges, A n d r 6 Spire hat in seinem neuen Gedichtbande „Fournisseurs" seine volle Meisterschaft erreicht. x) Spire ist im französisch-jüdischen Geistesleben eine überragende Gestalt, ganz Franzose und ganz Jude zugleich. Diese Synthese ist ihm so gelungen wie keinem anderen. Seine Dichtungen, die über einen Zeitraum von fünfundzwanzig Jahren reichen, legen davon Zeugnis ab. Sie sind ein ununterbrochener Anstieg zu einer immer unmittelbareren Erfassung des Lebens. Seine letzten Gedichte bedeuten kein Nachlassen seiner Kraft, sondern eine womöglich noch stärkere Erfüllung mit Leben. Die Ironie, die sich ihnen beimischt, und die oft zu einer Pointe herausgearbeitete Gegenüberstellung erinnern manchmal an Heine. Spire haben immer soziale Probleme beschäftigt: die Stellung des Dichters, der heimatlos zwischen den Klassen steht, den seine Liebe zu den arbeitenden Massen zieht und der doch auf jene Schichten angewiesen ist, die sich den Luxus bezahlen können, ihre Mußestunden mit Schönheit auszufüllen. Das Volk hat keine Zeit, Lieder zu hören, die Kunst dringt nicht in seine Dumpfheit. Die Reichen, die Bilder und Luxusausgaben sammeln, lieben die Erhöhung der Reize des ihres Lebens durch das Wort des Dichters, der ihnen Dinge zeigt und Gefühle deutet, zu deren Beachtung sie im Wirbel der^Geschäfte 2) S. meine Aufsätze über Spire im Juden, Vi. Jahrgang, Heft 8 und 9 sowie im „Monde Nouveau", Paris, 15. März 1923. nicht gelangen. So ist der Dichter heute, was er immer war: „le distrayeur, Tamuseur des grands de son temps et des singes des grands: les parvenus." So wird er „le fournisseur des fournisseurs". Dennoch ist die Dichtkunst für ihn eine unversiegbare Quelle der Freude, Das Leben gewinnt eineLeichtigkeit undHeiterkeit, die es nur für den Dichter hat; alltäglichste Geschehnisse, die unbemerkt an uns vorübergleiten, sind für ihn von Glanz umflossen. Aber manchmal werden seine Gedichte schwer. Dann ist es der Jude, der singt, der die ewige Frage an das Meer stellt, und den in den Wäldern von Fontainebleau und Chantilly, volL von Bäumen und Rehen, Bändern und Röcken, die alte Liebe überfällt, die Liebe zum Gotte Israels. Diese Liebe zum alten Gotte erwacht auch in Julien B e n d a. Er ist der Erbe Spinozas und seines keuschen amor intellectualis und jener Gelehrten, die in schlaflosen Nächten um die immer genauere Fassung der Begriffe sich mühten und denen die immer tiefere Durchdringung der alles Leben umspannenden Architektonik der Lehre Aufgabe war, der sie sich ungeteilt hingaben. Bendas interessantestes Werk ist sein Roman ,,L'Ordination". Wenn es richtig ist, daß jüdische Kunst abstrakt und zerebral ist, so ist das jüdischste Kunst. Es ist ein Buch rein innerlicher Betrachtung und Musik, fremd jeder Form und Farbe, ohne die geringste Beschreibung, ohne jedes Verweilen bei der Außenwelt. Dennoch ein Kunstwerk, das man mit atemloser Spannung und tiefer Ergriffenheit liest. Benda hat in seinem Essay über die Ästhetik der modernen französischen Gesellschaft,,Belphegor" mit dem Sentimentalismus und Irrationalismus der Philosophie Bergsons abgerechnet. Er vertritt hier die Aristokratie des reinen Denkens, denHochmut des Logikers, des Thalmudgelehrten gegenüber dem Leben. Er unterscheidet zwei Richtungen des menschlichen Bewußtseinslebens, „deux grandes sortes de sensibilit& l'une, dont la vue et le toucher sont les principaux modes, qui s'agregeant autour de Tidee de forme, tire de cette origine un charactere special de nettete et de