Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Französische Juden
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 605 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Französische Juden 605 verknüpft.1) Albert Cohens Lyrik trägt in ihrer äußeren Prägung etwas in sich, das man als jüdisch bezeichnen möchte. Sein freier Vers, der sich dem inneren Rhythmus einer leidenschaftlichen Sprache leicht fügt, erinnert an die Sprache der Bibel. Cohen hat in der Form viel von Sp ire gelernt, aber er geht in der Jugendlichkeit seiner Kraft über ihn hinaus, wenn ihn auch manchmal ein Überschuß von Pathos noch leicht ins Rhetorische verführt. Aber in seinen Rhythmen weht ein heißer Wind, der an die Heimat des Verfassers erinnert, der in Korfu geboren und in Marseille erzogen ist. Sie können sich, so insbesondere in seinen Liebesgedichten, zu einer so innigen Kraft steigern, daß sie das alte Spiel des Kampfes von Mann und Weib in neuen glühenden Farben aufleuchten lassen, sie entgehen aber nicht immer der Gefahr, die dem freien Verse droht, zu einer Prosa herabzusinken, die nur die Schreibweise davon unterscheidet. Cohen hat sich in die Sprache der Bibel eingelebt; der Parallelismus der Glieder, wie ihn die althebräische Metrik kennt, beherrscht seine Gedichte und durch seine Worte bricht in der zufälligen Sprache seiner Umgebung ,,la vieille voix des grands vents et de sables", die alte Stimme der großen Winde und Wüsten. Der Dichter geht zu seinem Volke. Er singt ihm seine alte Kraft und die Leidenschaft von dreißig Jahrhunderten. Doch seine Brüder blicken ihn nur stumm aus ihren müden Augen an, aus ihren lächelnden wissenden Augen. Da sieht er die Unmöglichkeit ein, dieses Volk in seinem unabwendbaren Schicksal aufzuhalten und wendet sich zu den Fremden. Aber an der Tafel der anderen erwachen in ihm die alten Worte: „Ihr sollt ihre Altäre zerstören und ihre Bilder zerbrechen." Aus den Kirchen mit ihrem Glanz und Prunk, aus der weichlichen Stimmung empfindsamer Liebe flüchtet er zu dem starken Gotte der Väter, der furchtbar ist in seiner Majestät und gerecht in seinem Grimme, zu dem Gotte des Lebens *) S. meinen Aufsatz im 6. Heft des VI. Jahi - gangs des „Juden". Israel hat einst mit dem Engel Gottes gerungen und ihn überwunden. Der Dichter aber vermag nicht mehr, zu Gott vorzudringen. Er sehnt sich nach ihm, aber zu viele Dinge stehen dazwischen. Es gilt nicht nur, die Idole der anderen, sondern auch die eigenen zu zerstören. Nicht in der Natur ist Gott zu finden, denn er hat die Menschen in seinem Ebenbilde geschaffen, und er lebt in ihren Leiden und in ihrem Kampfe. Und nicht in der Kunst ist Gott, denn wir sollen uns kein geschnitztes Bild machen, kein Abbild des Lebens, in dem allein wahrhaft Gott ist. Der Jude tröstet sich nicht mit der Süße des Todes, mit den Freuden des ewigen Lebens, mit der Aussicht auf das Jenseits, er steht auf der Erde, auf der er den Tempel errichten soll, er bejaht mutig die Tragik des Lebens, und er übergibt das Leben und seine Aufgabe seinem Sohne. Leben ist Liebe, und der Weg des Wählenden geht von der heißen Sinnesglut des Liedes der Lieder zu jener Liebe, mit der Jakob um Rachel warb, um die Stammutter seines Geschlechtes. Denn die Juden wissen zu wählen, zu scheiden zwischen Rein und Unrein, und diese Scheidung und Entscheidung macht sie hart. Sie wissen nichts von der kleinen Liebe und von dem falschen Frieden. „Sie möchten leichthin die Wunde meines Volkes heilen: Friede, Friede! sagen sie; und doch ist kein Friede", sagt der Prophet. Und dies ist, nach des Dichters Meinung, Jesu Sünde wider sein Volk: dem Volke der Kämpfer und Stolzen entstam. mend, hat er die Frauen geliebt und hat gelehrt: Erhebet Euch nicht; er hat die alten strengen Ordnungen zerstört und das Joch erleichtert; er hat dem Volke der ewig Unruhigen einen billigen Frieden gebracht, der auch dem Schwächsten erreichbar war; er hat das rebellische Volk derTyrannenbekämpfer gelehrt: gebet Caesar, was Caesars ist, und seine Prophetenpeitsche traf nur die kleinen Wechsler und Taubenhändler im Tempelvorhofe; er hat denen, die wählten und richteten,gesagt: richtet nicht; er wollte den Weg leicht machen und Belohnung verheißen, und er hat damit die An-