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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 604

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
Französische Juden
Date
1924-01-01
Page
604 (sequence 4)
Language
German
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604 Bemerkungen: Französische Juden Josephs Sohn wird die Kraft haben, sich von seiner Familie zu lösen, ein Eigener zu sein, der Stimme seines Innern nachzugehen. Er wird nicht wie seine Väter und Vettern das Bestreben haben, in dem Bürgertum seiner Umgebung aufzugehen. „Wenn man der älteste Arbeiter und zugleich der älteste Aristokrat auf der Erde ist, dann darf man nicht zum Bürger herabsinken wollen. Und da der französische Bürger doch noch etwas besitzt, was diese Juden nicht haben, schöne und alte Lebensformen, seine Religion, seine Art zu reden und sich zu geben, können die Juden neben ihm nur falsche Bürger werden, verkleinerte und lächerliche Figuren, über die er mit Recht lacht und deren die Juden sich schämen." „Retrouvez le sens de votre duree, reprenez la notion personnelle de ce qu'est votre esprit selon votre race." Er wird dann auch den Mut finden, den sein Vater nicht gehabt hat, sich der schönen und tiefen Zivilisation des Volkes rings herum zu nähern und sich mit ihr zu verbinden. Aber wenn er den Sinn seiner Dauer gefunden hat, wird er auch in dieser schönen Zivilisation nicht daheim sein können. Er wird ein Heimatloser und ein Wanderer sein. Aber Jean Richard Bloch sagt uns nicht, wo Ziel und Heimat liegen. Auf diese Frage nach dem Ziele hat auch Albert Cohen keine Antwort gewußt. Vielleicht gibt es kein einheitliches Ziel, sondern nur einen einheitlichen Ausgangspunkt: das Bewußtsein von der geschichtlichen Eigenart der Rasse, die Gewißheit des Zusammenhanges durch alle Zeiten und über alle Länder. Albert Cohen hat einmalJ) den Versuch unternommen, den Charakter der jüdischen Rasse zu bestimmen, und er hat gefunden, daß in der jüdischen Seele mehrere Schichten übereinander lagern, die einander durchdringen und in ihrer Komplexität das Widerspruchsvolle des jüdischen Charakters erklären. Aus der Wüste und aus der Zeit der Eroberung x) Revue de Geneve, März 1923. Kanaans haben die Israeliten die Herrschaft des Willens mitgebracht, jene „tension raciale si vieille qu'elle parait animale". Es ist ein Geist der Erde, der allen Ideen eine sinnliche Färbung gibt; eine heiße Luftwelle durchzittert eine klare Atmosphäre; die Liebe zum Wagnis, zum kühnen Abenteuer, zur ewigen Unruhe treibt seit jener Zeit den Juden — bis hinein in sein Börsenspiel. Über diese primäre Schichte lagerte sich die andere, die Israel zugleich auserwählt und verflucht gemacht hat, die seine Menschlichkeit zu prophetischer Übermenschlichkeit gesteigert und zugleich durch den Mangel mäßigender Form (Tanz, Gymnastik, Drama, Kunst) zur Unmenschlichkeit entstellt hat. Der herrschsüchtige Wille erlöst sich hier in der messianischen Hoffnung. Darüber erwuchs im Ghetto eine neue Schicht (die aber schon durch die notwendige Pariastellung, in die, einmal zerstreut, das „auserwählte" Volk kommen mußte, bedingt war): die scheue Geste des Verfolgten, das wissende Lächeln, die Zuflucht des Schwachen im Spotte, die kluge Beobachtergabe. All dies sammelt sich unter der für die anderen undurchdringlichen Maske. Albert Cohen aber versucht in seinen „Paroles Juives" in die ältesten Schichten vorzudringen; der starke sinnliche Wille des Altkananäers erwacht in ihm wie in der Dichtung Tschernichowskys, aber schon gebrochen in der Nachdenklichkeit dessen, der den Rätseln des einzigartigen Schicksals nachsinnt, das Israel überfallen und das widerstrebende Volk in seinen Dienst gezwungen hat. Albert Cohens Gedichtband „Paroles Juives" ist der einzige Versuch eines Dichters unserer Zeit, sich in einer Folge von Gedichten, die in strenger Architektonik sich zu einer gedanklichen Einheit zusammenschließen, mit dem Probleme des Judentums auseinanderzusetzen. Henri Francks große Dichtung „La Danse devant 1'Arche" ist wohl in ihrem Ausgangspunkt und vielfach in ihrer[Einstellung jüdisch, aber ihr gedanklicher Inhalt ist wenig mit dem Judentum

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