Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Französische Juden
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 603 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Bemerkungen: Französische Juden 603 mag sein, daß der Verfasser, der insbesondere als Kritiker sich schon vorher einen Ruf unter den Jungen der französischen Literatur geschaffen hatte, aus seinen eigenen Erinnerungen geschöpft hat. Es ist die Geschichte einer der vielen Familien, die nach dem Kriege von 1870 ihre angestammte Heimat im Elsaß verlassen und in fremden Provinzen Frankreichs sich angesiedelt haben. Mit der Zähigkeit ihrer Rasse haben sie sich wieder empor gearbeitet und aufs neue Wurzeln geschlagen. Dies tritt uns in vollendeter Lebenstreue gegenüber, wobei den Urgründen des seelischen Lebens nachgespürt wird. Es ist die Geschichte einer Familie, die verfällt. Ihre alte, an überlieferte Ordnungen gebundene, mächtige patriarchalische Kraft wird in der neuen Umgebung immer dünner und schwächer, von Generation zu Generation bröckelt die alte Form ab, neue Triebe regen sich, die ihren Weg noch im Ungewissen suchen, aber aus diesem Ende wächst ein neuer Anfang hervor.' Im Mittelpunkte der Erzählung steht ein schüchterner Versuch der Befreiung. Joseph Simler ist nicht mehr so stark, wie sein Vater war. Diesem war die Arbeit, die Ehre seiner Fabrik eine Idee gewesen, an die er sich mit seiner ganzen Seele hingegeben hatte und die für ihn doch nichts war als nüchterne Tatsache, Pflichterfüllung zur Mehrung des Vätererbes. Er hatte Tuch fabriziert in der gleichen aristokratischen Askese wie ein Kabbaiist seine Folianten studiert. Josephs Seele hatte Tiefen und Möglichkeiten, die er selbst nicht kannte; nur in dem einsamen Spiel der Flöte brachen sie durch. Im Westen Frankreichs lernte er die Tochter eines Landedelmannes kennen. Zum ersten Male trat ihm hier eine neue Welt gegenüber. Die ruhige, heitere Welt des Grandseigneurs, voll philosophischen Verständnisses, voll Leichtigkeit des Lebens, mit Blumen, Musik, Kunst. „Er dachte an diesen Park, der gleichzeitig frei und doch sorgsam gepflegt war, und an das schöne, schweigsame Mädchen mit ihrer ungezwungenenGrazie, mit den nachsichtigen und prüfenden Augen, die ihn eingeführt hatte. Es war, als ob ein kleines Licht in ihm erwache und in seinem Innern einen Docht suche, um sich dort zu befestigen und zu wachsen. Er hatte plötzlich Lust, Herrn Le Pleynier zu unterbrechen, um ihm anzuvertrauen, daß er Flöte spiele." Eine Liebe, die nie ausgesprochen wird, verbindet ihn mit Fräulein Le Pleynier. Sein Wesen wandelt sich, Natur und Musik kommen ihm nahe. Er erwägt den Gedanken, einen Landsitz zu erwerben. Aber die Tradition ist stärker als dieser Versuch. In dem Kampfe zwischen der Familie und der schwachen Individualität, <üe sich befreien will, siegt die Familie. Fräulein Le Pleynier erkannte „das rätselhafte Band, das Joseph mit seiner Familie verknüpfte, ein Band, das weder auf Urteil noch auf Einverständnis beruhte, sondern im Wesen lag, wie sie es niemals bei anderen gesehen hatte." Joseph heiratete eine Verwandte. Er hat nie wieder Flöte gespielt. Das Schicksal nahm seinen Lauf. Einst war Simler eine Kraft gewesen, eine Individualität, einsam und groß. Aber in den folgenden Geschlechtern hatte sich Simler immer mehr angepaßt, war immer genießerischer, immer mehr ein unechter französischer Bourgeois geworden, bis der Enkel mit allen seinen Fähigkeiten, die ihn zuerst zum Wunderkinde gemacht hatten, in Alltäglichkeit und Genuß der Väter Erbe vertut. Aber in einem der Söhne Josephs erwacht das schüchterne Flötenspiel seines Vaters wieder. Vielleicht ist er die Frucht der heimlichen Liebe zu Fräulein Le Pleynier. In ihm lebt der Großvater wieder auf. „Es gibt bei uns Juden", so sagt ihm ein Onkel, der nach langjähriger Abwesenheit aus der Ferne zurückkehrt, „zwei Strömungen. Sie haben sich oft vermengt, ohne ineinander aufzugehen. Sie sind in allem einander polar entgegengesetzt. Du gehörst der einen an, die anderen Simlers, die jetzt leben, gehören zur andern. Vormals hat es Simlers gegeben, die in ihren kleinen Gemeinden Deiner Art waren. Deswegen bist Du jetzt an der Reihe, und so wird es immer sein in der Folge der Zeiten.