Mannheim
Compact Memory

Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 602

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
Französische Juden
Date
1924-01-01
Page
602 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3101111-3101201-3101211-3109739--7403-3109796
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

602 Bemerkungen: Französische Juden auf. Die Sehnsucht nach Einheit der beiden Elemente erfüllt die jüdischen Dichter des neunzehnten Jahrhunderts (nur einer steht abseits: Mombert, den derMutdesÄußersten treibt, Schöpfung nackt zu gebären. Darum ist er so rein jüdisch, so ungriechisch). In hebräischer, jiddischer und allen europäischen Sprachen suchen sie die harmonische Verbindung der ewig sich schaffenden Schöpfung des Geistes und des gesättigten Anschauens im Bilde. Diese Sehnsucht nach Form trieb den Juden, sich westlich zu orientieren. Die hebräische Aufklärung in Rußland, die Haskalah, sah während der ersten Zweidrittel des neunzehnten Jahrhunderts ihr kulturelles Vorbild in Deutschland. Die russische Umgebung selbst bot ihr in ihrer Sehnsucht nach Form keinenAnknüpfungspunkt. Denn'der Russe ist darin dem Juden ähnlich, daß er weniger formhaft plastisch und mehr musikalisch religiös begabt ist. Und die Russen selber blickten damals nach Westen. Aber zu gleicher Zeit, wo das russische Judentum sich nach Deutschland wandte, wandte das deutsche Judentum sich ebenfalls westwärts nach Paris. Heine und Börne, Heß und Alexander Weil fanden dort eine zweite Heimat. In französischer Sprache und in der heiteren Atmosphäre dieses Landes konnte die „Verwestlichung", die „Hellenisierung" des jüdischen Künstlers am ehesten gelingen (das südliche Gestade des Schwarzen Meeres hatte bei Tschernichowsky in hebräischer Sprache eine ähnliche Wirkung). Dieses Suchen nach einer neuen ästhetischen Form äußerte sich insbesondere auch in der Erotik. Die Zertrümmerung der alten traditionellen Lebensform des Ghettos hatte für den Juden zugleich die Bedeutung der Befreiung seiner Individualität. Im Ghetto hatte die Tradition auch die Erotik geregelt; das Liebesleben war durch die Familie bestimmt und durch ihre Beziehungen geordnet. Die Familie, mehr noch die Sippe war die entscheidende Macht auch im privaten Leben des Einzelnen, der sich die Individualität unterordnete. Auch hier war die Form mehr ethisch und logisch als ästhetisch und sentimental Die Befreiung vom Ghetto bedeutete zugleich eine Hinneigung zur ästhetischen, sentimentalen, individuellen Form der Erotik. Der junge Jude empörte sich nicht nur gegen die überlieferte, das freie Leben einengende Tradition, sondern auch gegen die Familie, gegen ihren Zwang und ihre Herrschgewalt. Die Väter und Mütter, die noch halb unter dem Einfluß der alten Ordnungen standen, repräsentierten für den jungen Juden das Alte, das Eigene, dem er entrinnen wollte. Zur Befreiung seines individuellen Lebens flüchtete er sich zu den andern, nicht nur auf dem Gebiete der freien spielerischen Schönheit der Künste, sondern auch auf dem Gebiete der Liebe 1). Bei den Hellenen, bei den eüropäischenVölkern suchte man dieFreude derSinne, die Ungebundenheit, die die strengen Ordnungen der Tradition nicht gestattet hatten. Die Sehnsucht nach neuer Form und Freiheit trieb die Juden des neunzehnten Jahrhunderts zu den Hellenen und zu den Franzosen. Doch die Tradition, das alte Erbe des Blutes war so stark in jedem, daß er sich nie ganz verlor. Immer wieder bricht der alte Jude hervor. Aber eine neue Synthese bahnt sich an, eine innere Verknüpfung des jüdischen und des europäischen Menschen, die den neuen Juden in manchem dem Juden der alt-palästinensischen Zeit ähnlich macht. Dieses Motiv kehrt ebenso bei Tschernichowsky wieder wie bei dem französischen Juden Albert Cohen. Den Beginn dieser Entwicklung und Emanzipation des französischen Juden schildert Jean Richard Bloch in seinem meisterhaften Roman ,,... et Cie." Es ist dies unzweifelhaft der künstlerisch wertvollste Roman, der, nicht nur in französischer Sprache, über das Schicksal einer jüdischen Familie geschrieben wurde. Es x) S. auch meine Aufsätze über Heine („Der Jude" V. J. H .5/6), Otokar Fischer (ebenda, VII. J. H. 9), Henri Franck (ebenda VI. J. H. 6), Andr6 Spire (ebenda VI. J. H. 8,9) und über Tschernichowsky in einem der folgenden Hefte des „Juden".

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.