Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Heimkehr
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 596 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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596 Franz Rosenzweig: Menschenherzens. Denn, um noch einmal jener neustprotestantischen Theologen zu gedenken, es ist etwas andres, ob man die Paradoxie des „knechtischen Willens" als ein weltgeschichtlicher Empörer behauptet oder als ein friedlicher Professor und Bücherschreiber; dort ergänzt sich die Theorie durch das Leben zur Wahrheit, hier potenziert sie sich durch es nur zur potenzierten — und also falschen — Theorie. Wenn Luther am 30. Oktober 1517 gestorben wäre, so wären alle Kühnheiten seines Römerbriefkommentars auch nur die Extravaganzen eines Spätscholastikers. Die wirkliche Frage entsteht, weil der Mensch, wenn er vor Gott steht, immer seine eigene Ohnmacht spürt und also notwendig den ersten Schritt von Gott erwarten und erbitten muß und doch gleichzeitig unüberhörbar vernimmt, daß Gott ihn von ihm, dem Menschen, verlangt. Darüber kommt keine Theorie weg, weder eine, die die vernommene fordernde Gottesstimme, noch eine;, die die verspürte Menschenohnmacht als Satansblendwerk zu diskreditieren sucht. Und natürlich schon gar nicht eine, die solcher brutalen Alternative durch weise Rollenverteilung und genaue Dosierung ausweichen möchte. Sondern die Sache bleibt ein unendliches Gespräch, wo also wie in jedem Gespräch der ,,recht hat", der gerade zuletzt gesprochen hat, — und also Gott nur deshalb schließlich wohl recht haben muß, weil er am Ende das letzte Wort behält. Am letzten Ende! So faßt der Midrasch das Problem, wenn er Mensch und Gott, die Gemeinde Israel und ihren Herrn, im Gespräch zeigt und sie sich einander, in Anlehnung an den Schluß der Klagelieder (5, 21) und an das Prophetenwort des Maleachi (3, 7), das Verlangen nach dem ersten Schritt entgegenhalten läßt als Bedingung für den zweiten, den dann man selber tun werde. Und auf diesen Midrasch hat Jehuda Halevi das große Gespräch zwischen Mensch und Gott aufgebaut, das als ein fünfthalbdoppelstrophiger Hymnus für die Mittagsstunden des großen Versöhnungstags bestimmt ist. Die erste Doppelstrophe, kürzer als die folgenden, stellt mottohaft die beiden Leitsätze einander gegenüber, in starkem Kontrast des menschlichen Flehens und des göttlichen Verweigernmüssens. Dann beginnt der eigentliche Dialog, der sehr anders geführt wird als die zahlreichen Liebesgespräche zwischen Israel und Gott, die Jehuda Halevi gedichtet hat. Denn während in diesen ein wirkliches Miteinandersprechen, von Angesicht zu Angesicht, stattfindet, bleibt hier ein furchtbarer Abstand, genau der Abstand, der in den beiden Eingangs- und Leitstrophen festgelegt ist. Die Menschenstimme bleibt — durch rechtendes Verlangen, tiefe Verzweiflung, entschlossene Demut, leidenschaftliches Flehen — Schrei aus der Tiefe, die Gottesstimme — in Forderung, Mahnung, Verheißung — Ruf aus der Höhe. Die Spannung zwischen Gott und Mensch scheint gerade an diesem Tage, der ganz um Versöhnung geht, unversöhnlich. Auch das, ja gerade das, wodurch sie sonst am leichtesten ausgeglichen wird, trägt hier nur dazu bei, sie zu vermehren. Wenn sonst Gottes Wege fern von Menschenwegen sind, so begegnen sich der Weg von Israels Gott und der Weg seines Volkes am ewig rauchenden Sinai. Auch heute, an