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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 597

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
Heimkehr
Date
1924-01-01
Page
597 (sequence 5)
Language
German
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Heimkehr 597 diesem Tag, wo der Jude ganz Mensch, sein Gott ganz Weltrichter ist, entschwindet diese Brücke nicht dem Bewußtsein. Sie wird sogar beschritten, von beiden Seiten, aber sie führt nicht bis zum andern Ufer. Wenn der Mensch — zweite Doppelstrophe — Gott als der Träger seines jüdischen Gesetzes und seines jüdischen Leidens anspricht, so antwortet Gott mit der steilsten Forderung an den Menschen und nur den Menschen; und wenn der dann — dritte Doppelstrophe — aus zerschla*genster Ganz- und Nurmenschlichkeit stammelt, erinnert ihn Gott an seine jüdische Gottessohnschaft, an Wunder und Gesetz. Die Nähe selber wird so an diesem furchtbaren Tage zu einem Element der Ferne. Das Gespräch läuft weiter in dem Abstand der beiden Stimmen, aus dem es entsprang. Aber das letzte Wort behält hier der Mensch. Die Schlußstrophe ist keine Doppelstrophe mehr, die Gottesstimme schweigt in ihr. Was bedeutet dies Schweigen? Wenn man das Gedicht für sich betrachtet, läßt sich das nicht entscheiden, — eben weil der letzte Schrei des Menschen, sein ganz nackter Notschrei, ohne Antwort bleibt. Aber das Gedicht ist genau so wenig aus dem Tag und der Stunde, für die es bestimmt ist, loszulösen, wie etwa der einzelne Chor aus seiner Tragödie und dem Ort, wo er innerhalb ihrer steht. Es gehört in die Mittagstunden des ,,langen Tags"; und selbst wenn es, wie eigentlich der Anfang mit seinem Zitat aus dem Schlußgebet — du reichst die Hand Sündern und deine Rechte breitet sich, zu empfangen Heimkehrende — vermuten ließe, zu diesem gehörte, so ist doch auch da noch alles vorläufig und kein Wort das letzte. Ein letztes Wort ist erst im letzten Augenblick möglich; und wenn es der Mensch sprechen soll, das zu sprechen doch Gottes Sache ist, so kann dies letzte Wort — des Tages, des Lebens, der Geschichte — eben nur das Wort sein, das hinter allem Sprechen Gottes steht, in der Weise wie der Mensch dieses göttliche „Ich" in den Mund nehmen kann, nämlich als bekennendes ,,Er". In diesem Bekenntnis der letzten Augenblicke des Tages findet wie der ganze Tag so auch unser Gedicht erst seine Lösung. Der Mensch selber gibt sich unter Gottes Augen die Antwort, die ihm für diesen einen, vorweggenommenen letzten Augenblick die Erfüllung seines Heimkehrgebets schenkt; in diesem Augenblick ist er so nah bei Gott, so dicht an seinem Thron, wie er als Mensch sein kann. In der Entzückung dieser Nähe schweigt ihm das Du, nicht bloß das Du des Notschreis, sondern auch der Sehnsucht und der Liebe. Dem Engel unterm Thron gleich wendet er sich um und bekennt, bezeugt — Ihn. Er darf aber sich diesen höchsten, letzten Augenblick vorwegnehmen, weil er wenige Minuten später, wenn der Posaunenstoß des Freijahrs (3 M. 25, 9 f.) den Festtag beschlossen hat, im Abendgebet des wiederhereingebrochenen Alltags wieder sagen wird: Vergib uns, unser Vater, denn wir haben gesündigt.

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