Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Bedeutung der Goldziherschen Bibliothek für die zukünftige hebräische Universität
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 584 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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5»4 A. S.Yahuda: sonderen Abteil untergebracht, den er mit dem hebräischen Ausdruck für Friedhof: beth ha-chayyim, d. h. „Haus der Lebenden", bezeichnete. Als ich eines Morgens zu ihm kam traf ich ihn in sehr wehmütiger Stimmung; als ich ihn nach der Ursache fragte, erwiderte er, ohne seine Tränen beherrschen zu können: „Ich bin erst eben damit fertig geworden, die Briefe eines meiner lieben alten Freundes, dessen Tod ich heute früh erfahren habe, von der Abteilung dieser ,eiteln Welt' (Olam ha-hebel) in die Abteilung des ,Hauses der Lebenden* zu schaffen. Ich habe das Gefühl, als hätte ich an seinem Begräbnis teilgenommen und ihn zur letzten Ruhestätte begleitet." Es muß dafür gesorgt werden, daß dieses „Haus der Lebenden" auch für die zukünftigen Geschlechter lebendig gemacht werden soll, und das Komitee der Scripta Universitatis in Jerusalem sollte sich zur Aufgabe machen, es dem Sohne Goldzihers zu ermöglichen, diese Korrespondenzen als „Goldziher-Serien" zu veröffentlichen, wofür er dann seinerseits die Originale der Goldzih ersehen Sammlung überlassen sollte. Nach vielen Jahrzehnten, wenn der Orient eine größere Würdigung für die Leistungen der westländischen Orientalisten haben wird, werden die Tausende von Briefen der Begründer und Erbauer der orientalischen Wissenschaften eine außerordentliche Bedeutung haben und eine der wertvollsten Autographensammlungen des Orients darstellen. Welchen Wert die Autographen der genannten jüdischen Gelehrten und noch vieler anderer wie Grätz, David Kauffmann, Alexander Kohut, M. Lazarus, M. Schechter, H. Steinthal, Leopold Zunz usw., für die jüdische Nationalbibliothek haben, braucht nicht erst besonders hervorgehoben zu werden. Daß die Bibliothek dieses Mannes nach Jerusalem geht, wird für viele seiner Freunde und Verehrer eine große Freude und Genugtuung sein. Es kam sehr oft bei meinen Besuchen in Budapest vor, daß unsere Unterhaltungen sich bis über die zweite Morgenstunde hinaus ausdehnten. Und wenn er, schon etwas müde, mit dem schwarzen Samtkäppchen auf seinem Haupte, in seinem Lehnstuhl saß, und sich in der Laune eines alten Rabbi fühlte, zumal es der Augenblick war, wo er gewöhnlich zu einem Thalmudtraktat zu greifen pflegte, um beim Studium einer schwierigen Partie einzuschlafen, da sagte er mir, es werde etwas Anziehendes für ihn haben, die letzten Jahre seines Lebens in der heiligen Stadt zu verbringen, um dort nach alt herkömmlicher Weise sich von einer Schar von Jüngern zu umgeben und einen „Schiur" im Thalmud vorzutragen, wie er ihn in seinen jungen Jahren vor seinem alten Lehrer vorzutragen gewohnt war. Es lag etwas ungeheuer Sentimentales, Romantisches und sogar ein sehr tiefes religiöses Gefühl in dieser Äußerung; denn er war sehr gläubig und sah die Seele und die Lebensfähigkeit des Judentums in seinem Gottesglauben und vor allem in der Ethik der Propheten. So hatte auch das Wort Jesajas, daß „aus Zion die Lehre ausgehen wird und das