Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Bedeutung der Goldziherschen Bibliothek für die zukünftige hebräische Universität
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 583 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Bedeutung der Goldzihersehen Bibliothek usw. 583 Algier. Er lebte viele Jahre in Damaskus; dort hatte er, schon als junger Mann, Goldziher kennengelernt und bewahrte ihm durch die vielen Jahre hindurch die wärmste Freundschaft. Es war nun amüsant und rührend zugleich, als er mir beim Abschied sagte, ich möchte seinen Freund El- Zarawi herzlich von ihm grüßen und ihm sagen, daß er, so Allah will, bald seine lang geplante Reise nach dem Andalus (Süd-Spanien) durchführen werde und daß er unterwegs in Budapest aussteigen möchte, um einige Tage mit ihm in ,,Tagesgesprächen und nächtlichen Unterhaltungen** (lil-Muhadarah Wal-Musamara) zu verbringen. Der freundliche, vornehme und ehrwürdige Greis drückte sich in dieser Weise aus, weil nach seiner Vorstellung Andalusien im äußersten Westen lag, wie es die arabischen Geographen immer zu bezeichnen pflegen (El-Maghrib El- Aqsa); da nun auch Budapest im Westen liegt, so dachte er, daß diese Stadt sich auf irgend einem Punkte auf der geraden Linie befinde, die direkt von Kairo nach Spanien führt. Ich habe ihn freilich über seinen Irrtum nicht aufgeklärt; denn der Gedanke, daß er unterwegs nach dem Andalus in Budapest anhalten würde, war gar zu ergötzlich! So stellt denn die ungeheuer umfangreiche, sich auf 50 Jahre erstreckende Korrespondenz, mit zahlreichen Fachgenossen und auch sonstigen Autoritäten auf andern Wissensgebieten, einen sehr bedeutenden Schatz dar, der auch zum Bestände seiner Bibliothek gehörte. Professor Karl Goldziher, der tüchtige Sohn des großen Vaters, hat sich zur Aufgabe gestellt, diese Briefe sowie auch die Tausende von Briefen, die sich noch in Händen von Fachgenossen und Freunden Goldzihers befinden dürften, zu sammeln, damit sie gesichtet, geordnet und, wenn möglich, der Öffentlichkeit übergeben werden. In der Tat sind darin ungeahnte Schätze von wissenschaftlichem Werte enthalten. Ich brauche nur auf die langjährige Korrespondenz mit Männern wie R. Basset, Karl Budde, Abraham Geiger, De Goeje, J. Guidi, Joseph Halevi, Kautzsch, Leopold und Emanuel Low, Charles Lyall, Nöldeke, Robertson Smith, Snouck-Hurgronje, Steinschneider, Wellhausen und vielen anderen hinzuweisen, mit denen er die wichtigsten Fragen auf allen Wissensgebieten in ausführlicher Weise diskutierte. Manche Briefe, besonders diejenigen, die Goldziher mit Nöldecke und Snouck-Hurgronje gewechselt hat, enthalten ganze Abhandlungen, und es wäre schade, wenn die große Gelehrsamkeit, die darin enthalten ist, nicht den Fachgenossen bekannt gemacht würde. Unvergeßlich ist mir die Freude, mit der er den Empfang eines Briefes von einem dieser zwei seiner besten Freunde und größten Bewunderer zu begrüßen pflegte. ,,Wenn ich einen Brief von Nöldeke oder Snouk erhalte", sagte er mir, ,,so empfinde ich es als eine wertvolle Festgabe; ich fühle mich sofort in eine fröhliche und festliche Stimmung versetzt." Welche Bedeutung Goldziher den Korrespondenzen beilegte, geht aus der Tatsache hervor, daß er ihnen einen besonders auffallenden Raum in der Mitte einer der Wände seiner Bibliothek bestimmt hatte. Sobald einer seiner Korrespondenten verschied, wurden seine Briefe in einem be-