Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Bedeutung der Goldziherschen Bibliothek für die zukünftige hebräische Universität
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 581 (sequence 7)
- Language
- German
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Die Bedeutung der Goldziherschen Bibliothek usw. 58i Denn, außer der großen Bibliothek in Kairo und der Bibliothek des College de St. Josephe der Jesuiten in Beirut, gibt es nirgends im ganzen Orient eine so vollständige, alle Gebiete der islamischen Wissenschaft umfassende Sammlung, die vor allem auch alle in Europa gedruckten arabischen Werke besitzt, wie die Goldzihersche. Goldziher hat die seltensten Drucke bekommenkönnen, weil er schon seit 50 Jahren, als die muhammedanischen Studien noch sehr wenig in Europa beachtet wurden, alle Strömungen und Bewegungen der weiten islamischen Welt mit wachsamem Auge verfolgt hat und so unmittelbare Kenntnis vom Erscheinen wichtiger Werke in den entferntesten Orten erhielt. Diese Schätze sind auch durch manche arabische und persische Broschüren und Zeitschriften vermehrt, die vielleicht in Goldzihers Sammlung allein vorhanden sind, dank dem Umstand, daß seine zahlreichen muhammedanischen Freunde stets dafür gesorgt haben, daß der große Islamforscher über alle Regungen, Bewegungen und Strömungen in der islamischen Welt bis in die entferntesten Gegenden von Zentralasien, Indien und China stets unterrichtet bleibe. Die Berühmtheit Goldzihers in der islamischen Gelehrtenwelt wird auch von hohem moralischen Werte für das Prestige der jüdischen Nationalbibliothek, besonders in Syrien und noch mehr in Ägypten, sein, weil sie durch den neuen wertvollen Besitz von nun ab mit dem Namen des gefeierten Meisters der islamischen Wissenschaft verknüpft ist. Schon seit seinem Aufenthalt im Orient im Jahre 1873, wo er etwa 9 Monate mit Unterstützung deY ungarischen Regierung in den theologischen Schulen von Damaskus und Kairo studiert hat, trat Goldziher in Beziehung zu großen muhammedanischen Autoritäten und wurde schon damals als junger Gelehrter in jenen Kreisen wegen seiner gründlichen Kenntnisse der muhammedanischen Theologie, besonders der Koran-Wissenschaft, sehr bewundert. Er war und ist noch heute unter seinen Freunden mit dem Namen El-Scheikh El-Zarawi bekannt. El-Zarawi bedeutet nämlich auf persisch ,,der Goldene", und Goldziher wählte es als orientalischen Ersatz für seinen, einem orientalischen Ohre etwas fremd klingenden Namen. Daß man ihn als S c h e i k h (Meister) anredete, muß besonders für jene Zeit, wo die Muhammedaner jedem Frangi (Europäer) mit größtem Mißtrauen begegneten, als Beweis der Verehrung und Wertschätzung betrachtet werden, die man für El-Zarawi empfand. Noch im Jahre 1912 traf ich in Kairo hochbetagte, berühmte Professoren der Azhar-Moschee, die als die größte theologische Schule des Islams bekannt ist, welche sich noch des El-Scheikh El-Zarawi erinnerten. Sie gedachten der aufgeregten Diskussionen, die sie mit ihm über die Auslegung mancher schwieriger Koranstelle hatten, wobei sie zwar aus sprachlichen Gründen manchmal dem Fremdling Recht geben, aus dogmatischen Gründen aber seine Interpretationen als ketzerische Neuerungen (bidaah) zurückweisen mußten. Wie groß Goldzihers Ruhm im Orient ist und wie sehr seine Arbeiten über den Islam geschätzt werden, kann man aus der Tatsache ersehen, daß große muhammedanische Theologen sich sogar in rein dogmatischen Fragen