Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 8 (1924)
- Issue
- Heft 10
- Article
- Die Bedeutung der Goldziherschen Bibliothek für die zukünftige hebräische Universität
- Date
- 1924-01-01
- Page
- 579 (sequence 5)
- Language
- German
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Die Bedeutung der Goldziherschen Bibliothek usw. 579 slavischen und nordeuropäischen Sprachen, die, obschon sie bedeutende Leistungen darstellen, doch nur auf einen ganz engen Orientalistenkreis beschränkt bleiben mußten, weil diese Sprachen von sehr wenigen Fachgenossen verstanden werden. Auch die Sammlung auf dem Felde der Bibelwissenschaft ist sehr reichhaltig und erstreckt sich auf alle ihre Forschungsgebiete, die besonders im lfetzten Jahrhundert außerordentlich angebaut wurden. In den Abteilungen Judaica und Hebraica sind Werke und Drucke von großem wissenschaftlichem und bibliographischem Werte. Es sind zwar sehr wenige Bücher der modernen hebräischen Literatur darunter, dafür aber die wichtigsten Erscheinungen des letzten Jahrhunderts über die ganze Wissenschaft des Judentums, fast die ganze spanisch-hebräische sowie die jüdisch-arabische Literatur des Mittelalters und ein großer Teil des rabbinischen Schrifttums. Über die Geschichte der Juden in Ungarn und ihre Bedeutung für die ungarische Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Kultur ist Goldzihers Spezialsammlung von unschätzbarem Werte und dürfte kaum von irgend jemand anderem mit solcher Lückenlosigkeit und Sachkenntnis zusammengestellt worden sein. So ist diese Bibliothek die erste systematisch gesammelte, sachlich und bibliographisch geordnete, vollkommene Sammlung, die in der jüdischen National-IJibliothek in Jerusalem untergebracht wird. Dieses ist von der größten Bedeutung für die zukünftige hebräische Universität, weil jeder Student und Forscher der verschiedensten Disziplinen der islamischen Wissenschaft und der semitischen Philologie im allgemeinen, ganz besonders aber der Bibelwissenschaften und vieler Gebiete der modernen Wissenschaft des Judentums, die wichtigsten Quellenschriften, Hauptwerke, Zeitschriften und Nachschlagewerke darin finden kann, die selbst für die umfangreichsten Arbeiten ausreichen dürften. Von ganz besonderem Werte und Nutzen sind die vielen Glossen und zahlreichen Korrekturen zu hebräischen, arabischen, persischen und anderen Texten, die Goldziher an den Rändern seiner Bücher notiert hat, deshalb nämlich, weil erst durch sie das richtige Verständnis vieler Stellen erschlossen wird. Denn, so erstaunlich es klingen mag, so ist es doch Tatsache, daß es kaum ein Buch in seiner Bibliothek gab, das nicht von ihm studiert oder wenigstens gelesen wurde. Die Schnelligkeit, mit der er ganze Bände durchlas, wobei ihm aber keine einzige Einzelheit entging, war geradezu unglaublich. Hierfür mag ein Beispiel angeführt werden. Eines Tages erhielt er ein zweibändiges Werk über die Geschichte Ungarns in ungarischer Sprache von einem seiner Kollegen in der ungarischen Akademie. Als er vier Tage später mit ihm in einem Kaffee zusammentraf, fragte ihn der Autor, ob er schon Zeit gefunden habe, einen Blick in sein Buch zu werfen, worauf ihm Goldziher lächelnd erwiderte, er habe das ganze Werk bereits von „einem Deckel bis zum andern", wie man sich im Arabischen auszudrücken pflege, gelesen, und ihm zum Beweis dafür ein Zettelchen mit einigen Druckfehlern übergab, die im 37*