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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 573

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
Jüdische Wissenschaft in fremder Sprache
Date
1924-01-01
Page
573 (sequence 8)
Language
German
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Jüdische Wissenschaft in fremder Sprache 573 fung. Man beachte doch: kaum waren 40 Jahre vergangen, da sah man schon deutlich den reichen Segen. Volle Kanäle, die gestern und vorgestern noch verschlossen gewesen waren, öffneten plötzlich ihre Mündung, und neue lebendige Quellen entströmten ihnen. Das Lieblingskind des Ostjudentums, die hebräische Literatur, anfangs klein, erweiterte ständig ihr Gebiet und wuchs dauernd an Kraft, bis sie zuletzt für eine ganze Generation Segen und Heil wurde. Es erstanden ihr Schriftsteller und Sänger, eine Generation neuer Männer, die aus den Brunnen der Welt und aus den Quellen des Volkslebens tranken und dadurch dem Volke siebenfach Leben wiedergeben konnten. Die hebräische Sprache wurde wieder ein unversiegbarer Born, und indem sie sich allen Formen weltlicher Gedanken anpaßte, brachte sie Früchte zur Reife, die kein Mensch geahnt hatte. Die hebräische Poesie, die im Westen stumm wie der Tod geworden war, erhob im Osten jubelnd ihren Ruf, wie er vielleicht seit den Tagen des Untergangs der Weissagung in Israel nicht mehr erklungen war. Bei diesem Klange erwachten die Herzen, und es begann eine starke geistige Tätigkeit, eine Tätigkeit, die ganz Aufbau, Auferstehung, Erneuerung war. Alle Werte der Nation und ihr ganzer geistiger Besitz wurden wieder in den Schmelztiegel getan und gingen aus ihm reiner und lauterer als ehedem hervor, belebten das Herz des Volkes und seine Jugendkraft. Die Wand zwischen dem „Menschen** und dem „Juden" sank von selbst nieder, und das Herz forderte die Einheit von Judentum und Menschentum. Diese neue Generation war schon fähig, das Schicksal des Volkes selbst in die Hand zu nehmen. Darüber hinaus aber wagte sie es, die Verwirklichung des erhabenen Traumes der Nation, ihre Erlösung und Wiederauferstehung im eigenen Lande auf die eigenen Schultern zu nehmen. Während das Ostjudentum all dies tat und sich mit der ihm eigenen Begeisterung auf den großen Tag vorbereitete, brachen die neuen Ereignisse herein. Von 10 Maß des Unglücks, das mit jenen Ereignissen in die Welt kam, mußte das Ostjudentum 9 ertragen: Gewalt und Plünderung, Mord und Untergang, Seuchen und Hungersnot. Und nun nach all dem, was über das Ostjudentum hereingebrochen ist, liegt auch dieses zerstört und verwüstet vor uns, verwundet und blutüberströmt. Tausende und abertausende Juden sind entwurzelt und irren unter den Völkern umher, um ein Asyl für den Augenblick zu finden, bis die Wut vorüber ist. Viele von ihnen, darunter viele Träger der hebräischen Kultur des Ostens, erreichten auf ihrem Wege auch Berlin, jenes Berlin, das die Geburtsstätte der Aufklärung und der Vorort der spezifisch westlichen Wissenschaft des Judentums ist. Als Exulanten kamen sie dorthin, erschöpft und ermüdet, gebrochen und verwundet. Jedoch auf ihrer Wanderschaft begleitete sie der hebräische Genius, und wo sie sich auch aufhielten, war ihr Antlitz ostwärts gerichtet. In einer großen und entscheidenden Stunde Israels sind so die, die einander nahe stehen und nur durch Gewalt getrennt worden sind, in einer Herberge zusammen getroffen. Kann man annehmen, daß dieses Zusammentreffen ganz nutzlos sein sollte? Mein Herz sagt mir,

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