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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 574

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Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
Jüdische Wissenschaft in fremder Sprache
Date
1924-01-01
Page
574 (sequence 9)
Language
German
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574 Chaim Nachman Bialik: Jüdische Wissenschaft in fremder Sprache daß dies nicht der Fall sein wird. Ich vertraue darauf, daß die starke Hand, die vor 40 Jahren unsere östlichen Brüder beim Schöpfe ergriff und aufrüttelte, auch den Scheitel unserer Brüder im Westen erreichen wird. Sie wird die, die sich nahe waren, aber getrennt wurden, einander wieder näher rücken. Wenn Brüder in Eintracht wohnen, muß das, selbst wenn es nur ein Zufall ist, notwendigerweise eine Annäherung und eine Wechselwirkung zur Folge haben. Sie haben einander ja vieles mitzuteilen und voneinander zu lernen. Vielleicht kann man gar behaupten, daß die Zeichen dieser Einwirkung schon vielfältig zu erkennen sind. Als mich daher Ihre Mitteilung von der bevorstehenden Herausgabe einer hebräischen Zeitschrift für die Wissenschaft des Judentums erreichte, neigte ich dazu, dies als ein ganz deutliches Anzeichen dieser Wirkung anzusehen, und zwar nicht nur, weil in vielen Sätzen ihres Aufrufes, vielleicht zum ersten Male in der jüdischen Wissenschaft westlicher Richtung, auch der Erforschung der lebendigen und schöpferischen Gegenwart ein Platz eingeräumt ist — schon diese Erweiterung der Grenzen allein würde ausreichen, die Veränderung der Richtung zu beweisen — sondern hauptsächlich wegen der hebräischen Sprache der Zeitschrift und der Allgemeinrichtung ihrer Herausgeber, die in den wenigen, aber stark verpflichtenden Worten in der Einleitung der Ankündigung zum Ausdruck kommen. Jetzt, so sagte ich mir, besteht eine Hoffnung, daß die Wissenschaft des Judentums zu einer jüdischen Wissenschaft ohne Anführungszeichen wird. Wenn sie sich mittels der Sprache wieder mit der lebendigen schöpferischen Quelle des ganzen Volkes verbindet, wird sie selbst wieder ein lebendiger Organismus werden. Sie wird ein ,,neues Herz und einen festen Sinn" erhalten, wird von selbst wieder den Pulsschlag des Volkes, alle seine offenen und verborgenen Schmerzen und Fragen spüren. Dann wird sie auch wieder einen gesunden Sinn erhalten und wird verstehen, zwischen Wesentlichem und Nichtigem, zwischen Bücherstaub und schöpferischer Leistung zu trennen. Es ist kein Unglück, wenn Sie im Augenblick nicht genügend Mitarbeiter und Helfer finden. Ihr Weg ist der richtige, und in Ihrer Hand liegt der Schlüssel zum Herzen des Volkes: seine Sprache. Alles übrige kommt von selbst, wenn nicht jetzt, so in kurzer Zeit. ,,Denn wer sich mit dem ganzen Leben verbindet, der darf Zuversicht haben" — und wenn sich die jüdische Wissenschaft mit dem Leben Israels verknüpft, so darf sie vertrauen, daß nicht nur sie selbst eine Wiedergeburt erlebt, sondern daß sie auch die Kraft haben wird, ihre Hüter und alle, die sich in ihrem Schatten niederlassen, neu zu beleben. In solcher Zuversicht beglückwünsche ich Sie. Möge Ihrem Werke Erfolg beschieden sein! (Aus dem Hebräischen übersetzt von G. Herlitz.)

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