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Der Jude · 1924-01-01 · Heft 10 · p. 572

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
8 (1924)
Issue
Heft 10
Article
Jüdische Wissenschaft in fremder Sprache
Date
1924-01-01
Page
572 (sequence 7)
Language
German
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572 Chaim Nachman Bialik: tum wie tot vor uns. Sein Blut ist geronnen, sein Fleisch versteinert. Durch das scharfe Messer einer fremden Kultur und Sprache vom lebendigen Körper des Volkes abgeschnitten, fand es den Weg zur reinen Quelle seines Trankes nicht zurück, und sein Lebenssaft entfloh. Die Surrogate, die seine Führer ihm erfanden, um es am Leben zu erhalten, hatten keinen Erfolg. Der „Tempel", die Reformen und die ,,Agudas Jisroe!" nutzten nichts, und auch die Wissenschaft des Judentums, die treue Begleiterin im „Tal des Todes" bot ihm keine Hilfe. Kann denn auch ein Toter einen Toten zum Leben erwecken? Als sich die jüdische Wissenschaft — auch hier soll diesmal die Wahrheit gesagt werden — schließlich ganz von der Sprache Israels loslöste, löste sie sich vom Leben und verdorrte vor der Zeit. Es traf sie in vollem Umfange „das Unglück, das in der Thorah nicht beschrieben ist, das Sterben der Gelehrten". An die Stelle ihrer Väter und ersten Schöpfer, wahrhafter Gelehrter und Kernnaturen, erstanden ihr im 3. und 4. Geschlecht Zwerge, Menschen von kleinem Wuchs, die nur Brocken sammelten und Knochen benagten, Menschen, die aus der Wissenschaft ein Handwerk machten und sie in ein Arbeitsgerät verwandelten, Menschen ohne Schöpferkraft und Freude am Schaffen. Das lebende und wirkende Israel, das schafft und sich erneut, daß mit den Wellen ringt und zum Gestade fährt, das kannte diese Wissenschaft nicht und wollte sie nicht kennen. Blind und taub gegen alles, was in den Tiefen der Seele und in der inneren Welt Israels vorging, verengte sie ihr Blickfeld mehr und mehr, bis sie nur noch auf den 4 Grabesellen einer leeren und toten Vergangenheit stand, einer Vergangenheit, die weder eine Gegenwart noch eine Zukunft hatte. Indem sie bis über den Kopf in Gräber und Haufen von Reliquien versank, sah sie nicht das große historische Wunder, daß sich zur selben Zeit vor ihren Augen und in ihrer Nähe inmitten der Mehrheit des Volkes vollzog, das Wunder der Auferstehung der Toten. Kann eine solche Wissenschaft, die sich selbst für tot ansieht, die Kraft haben, eine im Todeskampfe liegende Generation zum Leben zu erwecken? Demgegenüber trugen die Ereignisse innerhalb der jüdischen Gemeinschaft im Osten, besonders in Rußland und Polen ein ganz anderes Gesicht. Die Juden des Ostens hatten nicht das Glück wie ihre glücklichen Brüder im Westen, in Ruhe und Freiheit zu leben. Ihre Tage flössen im Gegenteil im Elend dahin, und ihr Leben wurde durch harte, grausame Verfolgungen verbittert. Aber auch in Elend und Not wußten sie ihre Kultur und ihre Sprache sorgsam zu bewahren. Ihr Anteil am Aufbau der Wissenschaft des Judentums ist gleichfalls nicht gering: Simcha Pinsker, A. E. Harkawy, 5. Halberstamm, Abraham Epstein, Posnanski u. a. Diese bauten jedoch in der Hauptsache das Haus Israels mit auf. Sie blickten nach vorwärts, nicht rückwärts. Sie erforschten nicht nur die Vergangenheit, sondern sie lebten sie auch und erbauten auf ihrem Fundament die Gegenwart um der Zukunft willen. Sie trugen die Vergangenheit auf den Schultern wie die Priester die Lade Gottes. Ihr Hauptziel war nicht die Erforschung dessen, was war, sondern die Schöpfung, die neue lebendige immerwährende Schöp-

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